eine Buchvorstellung von Marcel Bieger
Wir tauchen ein in die Zeit um das Jahr 1200 v. Chr., in eine Zeit voller Umwälzungen und Veränderungen. Einige bezeichnen diese Ära als frühe Völkerwanderung, andere als einen Weltkrieg. Wie auch immer, viele Entwicklungen der damaligen Verwerfungen sind uns bis heute in Form von Mythen erhalten geblieben: der Trojanische Krieg, der Auszug der Israeliten aus Ägypten, die Amazonen. Was ist diesen dreien gemein? Daß sich nichts davon nachweisen läßt.
Autorin Fiolka sagt aber nun, daß man dann ja auch nicht das Gegenteil beweisen kann, und spinnt aus diesem Mythengarn eine monumentale Geschichte mit Zügen einer altgriechischen Tragödie. Damals wurde die (bekannte) Welt von zwei Machtblöcken beherrscht, dem hethitischen Reich (mit Schwerpunkt Anatolien) und Ägypten, genauer dem Neuen Reich. Diese beiden Imperien haben ihre kriegerischen Auseinandersetzungen hinter sich und kooperieren, eine Frühform der friedlichen Koexistenz. Und zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Romangeschichte. Randerscheinungen spielen natürlich ebenfalls eine Rolle: Am Eingang zum Scharzen Meer liegt Troja, das durch seine günstige Lage allen Schiffsverkehr zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Schwarzen Meer kontrolliert. Schon allein die Zolleinnahmen müssen die Stadt sagenhaft reich gemacht haben. Kein Wunder, wenn begehrliche Blicke auf diesen Ort geworfen werden. Gerade haben sich die Mykener (die Vorläufer der späteren klassischen Griechen) mit einer Flotte auf den Weg gemacht, um dieses Hindernis aus dem Weg zu räumen. Ein Grund wurde auch gefunden, einer der Königssöhne des trojanischen Königs habe angeblich die Ehefrau der spartanischen Königs entführt. Daber handelt es sich nur um einen Vorwand, denn die Schöne Helena ist freiwillig mitgegangen; in späteren Zeiten werde es statt schöner Frauen geheime Massenvernichtungswaffen sein, die den Einmarsch in den Irak rechtfertigen sollen.
Aber da gibt es auch noch an der Südküste des Schwarzen Meeres die Amazonen, einen Stamm werhafter Frauen, die sich Männer als Sklaven halten, sich einmal im Jahr mit umliegenden Stämmen paaren und vom Nachwuchs nur die Töchter bei sich dulden. In dieser Frauengemeinschaft wächst Selena auf, eine Waise (die Mutter wurde bei einem Amazonenüberfall getötet), die von einer der beiden Königinnen adoptiert wurde (die Frauen haben eine Priester- und eine Kriegskönigin). Sie kennt nur die Welt der Amazonen und bereitet sich mit ihrer Nennschwester Palla (der Tochter der Kriegskönigin) darauf vor, eines Tages die Herrschaft zu übernehmen. Erste Veränderungen zeigen sich, als Palla und Selena alt genug sind, um zwecks Begattung mit zu den in den Bergen hausenden Kaskäern dürfen. Selena zieht es vor, noch ein Jahr länger zu warten, aber Palla verliebt sich unsterblich in den Häuptling, und fortan sind ihre Pläne nicht mehr unbedingt identlsch mit dem Wohl der Amazonen.
Selena gerät bei einem Ausflug in den nächsten Marktort mit dem Königssohn der Hethiter aneinander, bricht ihm, unbeherrscht wie sie ist, die Nase, und wird dafür von diesem gefangengenommen und in die Hauptstadt Hattusa verschleppt. In der Folgezeit wird sie noch einige Männernasen brechen, aber es ihrerseits noch viel öfter auf den Kopf bekommen. Kaum eingetroffen gerät Selena schon mitten hinein in die Hofintrigen. Während der Prinz sie eigentlich in seinen Harem bringen will, läßt die Königin sie wegschaffen und in ihren Gemächern unterbringen. Diese stammt nämlich ebenfalls von den Amazonen ab, und die beiden freunden sich an. Selena kommt langsam hinter die Geheimnisse der Königin, deren Priesterinnen es verstehen, aus Eisen Schwerter zu schmieden – eine bis dahin allgemein unbekannte Möglichkeit. Zu Kriegszeiten zieht man noch mit Bronzewaffen gegeneinander. Die Königin, wie gesagt aus dem alten Volk stammend, plant, mit den Priesterinnen und den Eisenschwertern einen Aufstand zu entfachen und die Hethiter, die einst als Invasoren ins Land kamen, zu vernichten. Das Komplott fliegt auf, und die Königin wird unter Hausarrest gestellt. Von nun an hat der Prinz das Sagen, denn der König selbst ist alt und schwach. Eine ägyptische Delegation kommt an den Hof, und Selena verliebt sich in deren Leiter. Sie wird von ihm schwanger, doch als der Ägypter in seine Heimat zurückwill, begleitet sie ihn nicht, denn inzwischen ist ein dringender Hilfsappell von Troja na den hethitischen Hof gelangt, daß man der Unterstützung gegen die Mykener bedürfe. Der Königssohn fordert Selena auf, mit ihren Kriegerinnen vorauszueilen, damit ihm ausreichend Zeit bleibe, sein Heer zu sammeln und ebenfalls nach Troja zu ziehen.
Selena kehrt in ihre alte Heimat zurück, kann aber nur das halbe Frauenheer mobilisieren; denn Palla hat andere Pläne. Sie will mit ihren Frauen und den Kaskäern abwarten, bis die Hethiter ausgezogen sind, um dann die Hauptstadt zu überfallen und auszuplündern. Ob der Prinz dies ahnt oder ganz andere Pläne verfolgt, bleibt unklar, denn er behält seine Streitmacht in Hattusa, und als Pallas Frauen und die Kaskäer kommen, werden sie niedergemacht. Palla opfert, ohne mit der Wimper zu zucken, ihren Kaskäerhäuptling und läßt sich mit dem Königssohn ein.
Selena ist inzwischen mit ihren Kriegerinnen in Troja eingetroffen, und schon bei der ersten Schlacht erleiden sie große Verluste. So geht es weiter, bis auch noch die letzte Amazonin den Tod findet, als die Griechen sich mittels des hölzernen Pferdes Zutritt in die Stadt verschafft haben. Selena kann fliehen und wendet sich nach Ägypten, um dort ihren Mann und ihren Sohn, den er in seine Obhut genommen hatte, wiederzusehen. Kaum am Nil eingetroffen gerät sie auch hier wieder zwischen die Intrigen und Komplotte. Sie muß einiges auf sich nehmen, ehe Palla, die mit dem hethitischen Königssohn ebenfalls nach Ägypten gekommen ist und ihr zusätzlich das Leben schwer macht, den gerechten Tod findet und der Pharao selbst Selena in Ehren aufnimmt.
Birgit Fiolka spannt einen weiten Bogen, und als Hobby-Ägyptologin hat sie tiefen Einblick in die Materie, von dem sie dann auch reichlich Gebrauch macht. Bei Knaur liegt bereits ein Tetraglogie von ihr mit altägyptischen Abenteuern vor, jetzt hat sie sich für ihren neuen Verlag einen weit größeren Rahmen zurechtgelegt. Ihre Frauenfiguren sind stimmig und nicht allesamt strahlende Heldinnen und Tugendboldinen. Auch die Kultur der Amazonen wird plastisch und nachvollziehbar dargestellt. So dringen die Leserinnen eine farbige und fremde Welt vor, die von der Autorin jedoch nachvollziehbar dargestellt wird. Immer wieder postiiv verblüffend: Fiolkas Figuren agieren nicht im Kanon von Schuld und Sühne, Mitgefühl und Demut, denn dieser christliche Katalog ist 1200 Jahre vor der Geburt seines Erfinders natürlich noch vollkommen unbekannt.
Eine Fortsetzung ist geplant, und vielleicht erfahren wir dann auch mehr über die Herkunft Selenas. Eine großgewachsene Frau mit blonden Haaren und blauen Augen ist im sogenannten fruchtbaren Halbmond mehr als selten. Eigentlich sind nur unter Germanen solche Menschen zu finden. Aber vielleicht stößt Birgit Fiolka ja auf einen noch viel exotischeren Mythos.
- Marcel Bieger ist Redakteur des „Oriental Cosmos“.