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8 Mode und Trends
8.4 Amazonen

      

  8.4.1 Amazonen
  8.4.2 Die Amazonen – eine Spurensuche
  8.4.3 AMAZONENTOCHTER - eine Buchvorstellung von Marcel Bieger

 

 AMAZONEN
 
 
 

- von Marcel Bieger.

Daß Tänzerinnen sich nicht nur als hübsches Beiwerk zu Musik sehen, ist eine Binsenweisheit. Dafür, daß nicht nur simple rhythmische Bewegung dahintersteckt, spricht auch die angestrebte spirituelle Verbundenheit mit Göttinnen, anderen übernatürlichen Wesenheiten und selbst Archetypinnen im Jung’schen Sinne. Grund genug für den „Oriental Cosmos“, diesem Phänomen nachzugehen.
Wir wären sicher noch nicht so weit wie heute, wenn wir Birgit Fiolka nicht hätten, die ja auch für uns schreibt. Birgit ist ausgewiesene Ägypten-Forscherin und Schriftstellerin. Bei Knaur hat sie bereits eine Tetralogie untergebracht, die in der alten Nil-Hochkultur spielt, und bei Bastei ist gerade jetzt (April) der erste Band eines neuen Zyklus aus ihrer (elektronischen) Feder erschienen, der in der ganzen damaligen bekannten Welt spielt, dem fruchtbaren Halbmond (von der Türkei über den Nahen Osten bis nach Ägypten). Dabei spielen die Amazonen eine große Rolle, jener wehrfähige Frauenstamm an der Südküste des Schwarzen Meeres, von dem man (und frau auch) immer noch nicht so genau weiß, ob, wann, wie und warum es ihn gegeben hat. Birgit hat sehr viele Recherchen betrieben und stellt im folgenden den gegenwärtigen Stand ihrer Ermittlungen vor. Dieses Thema fessselt sie geradezu, und wenn jemand von Euch lieben Menschen Erkenntnisse, Ideen oder Fragen/Antworten zu den Amazonen hat, zögert nicht, mit Birgit darüber in die Diskussion zu treten.
Im folgenden stellte ich Birgits Roman „Amazonentochter“ vor und schreibe eine Kritik dazu. Da ich Mann und Historiker in einem bin und deswegen eine ein klein bißchen andere Einstellung zu den Amazonen habe, ist die Buchkritik natürlich mit einem Augenzwinkern versehen. Die Bilder stammen von Christian Emke (an dieser Stelle Danke dafür), und an Birgits Seite ist „Kalizad“ zu sehen, ihres Zeichens Orienttänzerin, die die Autorin auf ihrer Lesereise begleitet (Termine auf der Homepage www.birgit-fiolka.de). In ihrem Outfit versteht sie sich als moderne Interpretation des alten Mythos um die Amazonen.

 

 Die Amazonen – eine Spurensuche
 
 
 

- von Birgit Fiolka.

Sie begegnen uns heute als leicht bekleidete Airbrush-Barbie, im verbalen Sprachgebrauch werden kämpferisch selbstbewusste Frauen oder im negativen Fall, sogenannte „Kampfemanzen“ als Amazonen bezeichnet.
Doch wer waren die Amazonen wirklich – gab es sie oder gehören sie zu den Erfindungen der griechischen Antike?
Aus den Erzählungen griechischer Texte wird ihr Heimatland am Fluss Thermondon (heute Therme Cay) im Gebiet der Schwarzmeerküste lokalisiert. Nicht zuletzt dem (modern gesellschaftlichen) Usus, das Volk der Amazonen in den Stand eines mythologischen Volkes zu verdrängen, ist es wohl zu verdanken, dass dieses Gebiet bis heute nahezu unerforscht geblieben ist. In diesem Sinne gibt es natürlich auch wenige arächäologische Spuren. Ein Archäologe, der sich seit zwanzig Jahren mit Amazonen und Matriarchatsforschung beschäftigt ist Gerhard Pöllauer, der mehrere Forschungsreisen in das Thermodon-Gebiet unternommen hat. Tatsächlich wurde er fündig, z. B. in Form von einer alten Festungsanlage (Karpu Kale) oder vulvaförmigen Höhleneingängen, die auf ein matriarchal strukturiertes Volk hinweisen könnten. Im heutigen Dündartepe wurden Frauenidole in einer vier- bis fünftausend Jahre alten Siedlung entdeckt, welche sich sehr von zeitgenössischen Funden außerhalb dieser Region unterscheiden. Es scheint zumindest so, als wäre das Gebiet der Schwarzmeerküste zeitweise matriarchal orientiert gewesen. Griechische Quellen berichten auch von der heiligen Insel der Amazonen – Aretias – auf welcher ein Amazonentempel stand, in dem Pferde geopfert wurden. Tatsächlich gibt es nur eine einzige Insel entlang der gesamten südlichen Schwarzmeerküste (heute Giresun Adasi) und auch heute hat die Insel noch kultische Bedeutung und es finden einmal im Jahr Festlichkeiten auf ihr statt, bei denen Frauen eine besondere Rolle spielen. Amazonen
Strategisch gesehen war das Gebiet um den Thermodon auf jeden Fall hervorragend geeignet, als dass sich eine Kultur lange Zeit relativ ungestört hätte entfalten können. Ein gutes Beispiel hierfür ist Ägypten, welches in seiner langen Geschichte eine Entwicklung ohne übermäßige Fremdeinflüsse durchlaufen hat. Das Gebiet der Schwarzmeerküste ist von Gebirgszügen sowie Sumpfland eingeschlossen und somit schwer zugänglich. Im Gebiet des Thermodon leben noch heute freilaufende Pferde, ein Umstand, der zumindest an ein Reiterinnenvolk wie die Amazonen erinnert.
Was hat nun die griechische antike Geschichtsschreibung, welche uns erst auf die Amazonen aufmerksam machte, einer wissenschaftlichen Faktensuche bzgl. der Amazonen beizusteuern. Sicherlich sind die antiken griechischen Quellen mit einigem Für und Wider zu behandeln, denn erstens sind sie Jahrhunderte nach der angenommenen geschichtlichen Zeit der Amazonen entstanden, zweitens geben sie den Zeitgeist der griechischen Antike wieder. So wurden die Amazonen zu Töchtern des griechischen Kriegsgottes Ares, zu Begleiterinnen der Artemis und auf Vasendarstellungen entweder in antiker griechischer Tracht oder zu späteren Zeiten in der Bekleidung der Steppenvölker (Hosenanzug) dargestellt. Das mag mitunter daran liegen, dass die Griechen bei ihrer Geschichtsschreibung von den Dingen ausgingen, welche sie kannten – und das war die jeweils aktuelle Zeit, in welcher sie lebten.
Trotzdem zweifelten die griechischen Geschichtsschreiber (im Gegensatz zu unserer Gesellschaft) nicht an der Existenz der Amazonen, stellten jedoch einige Geschichten ihrer eigenen „Autoren“ in Frage. So haben sich die Geschichten im Laufe der Zeit weit verbreitet – sogar in Ägypten fand man Papyri, auf denen die Amazonen erwähnt wurden, u. a. die Geschichte des Pharao Petubastis, der gegen eine Amazonenkönigin namens Sarpot gekämpft haben soll. Natürlich kann man davon ausgehen, dass die meisten und vor allem die späten Geschichten reiner Fantasie entsprungen sind, es ist jedoch bemerkenswert, wie hartnäckig und populär sich das Amazonenvolk in einer ganzen Kultur und deren Geschichten wiederfindet, denn irgendwo müssen diese Geschichten einen Anfang genommen haben, der schwer beeindruckt hat. Trotzdem gibt es auch in den griechischen Texten Übereinstimmungen. So wird z. B. erzählt, dass die Amazonen sich im Zuge der Fortpflanzung mit den Kaskäern, einem halbnomadischen Volk, welches in den westlichen Gebirgszügen am Schwarzen Meer beheimatet war, trafen. Jenes Volk der Kaskäer entspringt keinem Mythos, es wird ab ca. 1400 v. Ch. sehr häufig in den hethitischen Quellen erwähnt und als barbarisches Kriegervolk beschrieben, welches vor allem Hattusa, die Hauptstadt des um 1200 v. Chr. bestehenden hethitischen Großreiches fast jedes Jahr im Zuge von Plünderungszügen angriff, jedoch auch immer wieder kleinere Städte eroberte, welcher unter hethitischer Herrschaft standen.
Was hat es nun mit den berittenen Kriegerinnen in Beinkleidern (Hosen) auf sich – in einer Zeit, in welcher Reiten bei den Großmächten als unschicklich galt und Pferde im Krieg lediglich vor einen Streitwagen gespannt wurden. Amazonen
Gehen wir noch einmal zu den Kaskäern zurück, die Hattusa jedes Jahr angriffen und so oft in den hethitischen Quellen Erwähnung finden. Der Weg von ihren heimatlichen Gebirgszügen nach Hattusa war weit und sie kamen, um zu plündern. Wir können annehmen, dass ein solches Vorhaben weder zu Fuß noch auf Ochsenkarren vonstatten gehen konnte, mitten hindurch durch das hethitische Reich unter den Augen von Spähtrupps der Hethiter, um dann zu Fuß einen Überraschungsangriff auf Hattusa zu tätigen, wo bereits eine gerüstete Truppe mit Streitwagen aufwartete. Dieses Unterfangen würde höchstens einmal stattfinden und dann in der Erkenntnis der Unmöglichkeit aufgegeben werden. Diese Angriffe fanden jedoch fast jährlich statt und waren für die Hethiter zumindest so wichtig, dass man sie in den Aufzeichnungen erwähnte. Fakt ist auch, dass die Kaskäer zeitweise von den Hethitern „angeworben“ wurden, so kämpften sie z. B. hethitischen Aufzeichnungen zufolge auf Seiten der Hethiter in der Schlacht von Kadesch.
Und überliefert ist zudem von ägyptischer Seite, dass es sogar unter Ramses II. einzelne berittene Spähtrupps gab – zwar wurden Pferd und Reiter nicht im direkten Kampf eingesetzt, es kann jedoch gar nicht die Rede davon sein, dass das Reiten vollkommen unbekannt war.
Beinkleider oder Hosen – stellen wir uns einmal vor, wir sitzen tagein tagaus auf einem Pferderücken, zum Zwecke der Fortbewegung, des Kampfes etc. Wie schnell würden Sie allein aufgrund wundgescheuerter Innenschenkel auf die Idee kommen, sich ein Kleidungsstück herzustellen, welches die Beine schützt? Sicherlich mag das Reiten an sich eine Randerscheinung gewesen sein, welche als barbarische Gewohnheit wenig hochstilisiert wurde – aber die Logik gebietet es einfach, dass es Beinbekleidung gibt, wo geritten wird.
Wir könnten uns weiterhin auch fragen, welchem Beispiel die Großmächte folgten, indem sie Reiten an sich für unschicklich erklärten und ablehnten ... eine solche Einstellung hat in den meisten Fällen einen Ursprung ... vielleicht jenen nomadischer in ihren Augen barbarischer ungebildeter Kriegsstämme, die sie in ungeordneten Formationen in Überraschungsangriffen zum Zwecke der Plünderung vom Pferderücken aus überfielen? Und könnten die Amazonen in diesem Sinne das Reiten und die Beinbekleidung nicht ebenfalls vom halbnomadischen Stamm der Kaskäer, mit dem sie zur Fortpflanzung zusammen kamen, aufgegriffen haben?
Wir müssen hier m. E. sehr vorsichtig mit Äußerungen umgehen, nach denen das Pferd als Reittier erst Jahrhunderte später etabliert wurde – denn was uns erhalten ist, sind meist die Aufzeichnungen und Darstellungen der Großmächte, welche eine andere Kultur pflegen, als nomadische Stämme, die uns einfach zu wenig hinterlassen haben, als dass wir ihre Spuren so gut zurück verfolgen können, wie z. B. jene der Ägypter oder der Hethiter. Es wäre m. E. gefährlich, die Maßstäbe eines Zeitgeistes allein an jenen gut dokumentierten Hochkulturen zu messen. Es gibt genügend namentliche Erwähnungen von Stämmen oder Völkern, deren Namen überliefert sind, von denen jedoch keinerlei Lebensweise bekannt ist, da sie im Zeitgeschehen zu unwichtig waren oder zu klein, um in die Politik der Großmächte und somit in deren Darstellungen und Aufzeichnungen einzufließen. Amazonen
So wird mittlerweile auch infrage gestellt, ob die Seevölker wirklich mit Schiffen über die Ägäis kamen. Es könnten ebenso gut Nomadenvölker gewesen sein, die über den Kaukasus kamen – um ca. 1200 v. Chr – und die große Völkerwanderung verursachten. Auch hier könnten berittene Krieger unter ihnen gewesen sein. Deswegen können wir m. E. die „echten“ Amazonen mit ihrer Kultur auch nicht in jenen griechischen Darstellungen finden, höchstens Spuren der einstigen Kultur mögen in den antiken Erzählungen weitergelebt haben. Meist war es eine Muttergöttin, „Die Große Mutter“ welche die zentrale Göttin in einem Matriarchat darstellte und die gesamte Kultur, die Lebensweise, die Religion, die Kleidung bis hin zu den Wertvorstellungen dürfte wohl kaum in den Überlieferungen der antiken griechischen Geschichte zu finden sein.
Die Griechen, die als Musterbeispiel des Patriarchats galten, beschrieben die Amazonen in ihrem Denken und ihrer Gesinnung als „mannsgleich“ und auch in antiken Schriften wird gerne gesagt: „ ... als mit männlicher Kraft Amazonen sich nahten ... „ Wie hätte für sie, nach ihrem Weltbild, welches besagte, dass Frauen ohne männliche Führung nicht lebensfähig wären, ein Volk wie die Amazonen verständlich sein können? Hätten die Griechen nicht ihr gesamtes Weltbild berichtigen müssen, wenn sie die Amazonen als „normale“ Frauen beschrieben hätten? Also mussten sie „mannsgleich“ mit extrem männlichen Attributen als kühne Kriegerinnen in Rüstung auftreten. Andererseits wurden sie wiederum als begehrenswert und eroberungswürdig dargestellt. Der Held, welcher eine Amazone besiegte, sie vielleicht sogar als Kriegsbeute in sein Bett holte, war bewundernswert.
Es ist kaum zu übersehen, dass jene Geschichten der Amazonen von Männern mit patriarchalen Denkweisen erzählt wurden. Und in diesem Kontext werden die Amazonen bis heute gesehen, was ihnen m. E. eine Darstellung der Unglaubwürdigkeit eingebracht hat, welche sie aus historischer und wissenschaftlicher Sicht relativ fantastisch und wenig ernst zu nehmen wirken lässt.
Es bleibt noch offen, die Frage in den Raum zu werfen, weshalb die Matriarchte überhaupt ausgestorben sind bzw. ihre Lebensart sich nicht durchgesetzt hat.
Hier findet man m. E. die Antwort in der Psychologie. Es ist weitläufig bekannt, dass weibliche Organisation sich von der männlichen unterscheidet. Während die Männer auf Expansion und Eroberung drängen, neigen Frauen dazu, dass Erreichte zu erhalten.
Auch mit Konflikten untereinander verfahren Männer anders als Frauen – in einem Streit um die Führungsposition messen sich die stärksten bzw. dominantesten Männer untereinander, bis es einen Sieger gibt, dem dann alle folgen. Frauen agieren nach dem Krabbenkörbchenprinzip – was heißt, dass nach Gleichheit gestrebt wird und eine sich hervortuende Führungspersönlichkeit in ihre Schranken verwiesen wird. Harmonie und Sicherheit gelten als Werte mehr als Machtstreben.
Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, dass die wesentlich aggressiver agierenden Patriarchate auf ihren Expansions- und Eroberungszügen sich die Frauengemeinschaften einfach „einverleibten“. Kurz gesagt: Die Frauen mögen Waffen für den Erhalt ihrer Selbstständigkeit und ihrer Freiheit geführt haben, die Männer jedoch, um zu siegen und Beute zu machen. Beim Aufeinandertreffen dieser beiden Kräfte ist es nicht schwer zu erraten, wer auf Dauer das Nachsehen hat. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Amazonen in ihrer Grundstruktur alles andere als „mannsgleich“ gewesen sein dürften. Zuletzt möchte ich noch auf die Frage eingehen, ob es in einem historischen Roman angebracht ist, die Amazonen neben historisch verbürgten Persönlichkeiten auftreten zu lassen – denn natürlich habe ich mir diese Frage vor dem Schreiben meines Romans „Amazonentochter“ gestellt.
Ich bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass ich es nicht nur darf, sondern dass es unerlässlich ist.
Denn was ich mit dem Roman beabsichtigte, war nun einmal, die Amazonen als glaubwürdiges Volk der Geschichte darzustellen und ein wenig dazu beizutragen, sie vor allem in der Vorstellung der modernen Gesellschaft von ihrem Sagenklischee zu befreien.
Wenn ich mich als Autorin schon nicht auf den Gedanken einzulassen vermocht hätte, sie als echtes historisches Volk zu sehen – wie hätte ich es denn den Lesern nahe bringen sollen?
Also war ich bemüht, Fragen wie „Wie kam es dazu, dass die Amazonen als Töchter des Ares angesehen wurden“ nicht auszulassen, sondern im Zuge eines geschichtlichen Kontext zu beantworten.
Meines Erachtens ist die Suche nach den Amazonen nicht zuletzt durch den Stempel einiger Serienklischees und TV-Formate wie die der bekannten „Xena“-Serie und durch ihre Darstellungen im Fantasy-Bereich so festgefahren, dass unsere modernen Köpfe sich zuerst einmal wieder für sie als historische Variante öffnen müssten, damit die Suche nach ihnen ernst genommen wird.
Dieses war mein größtes Anliegen und die Herausforderung dabei, archäologische Spuren, Sagen und Interpretationsmöglichkeiten in Zusammenhang zu bringen und dabei auch noch eine unterhaltsame Geschichte zu schreiben.
Bedeutsame Funde, wie Troja und den Grabschatz Tut-Anch-Amuns haben wir letztendlich Pionieren zu verdanken, die vielleicht einfach schneller und nachhaltiger als die Wissenschaft ihrer Zeit waren und weniger Scheu besaßen, Indizien nachzugehen. Zwar war Schliemann nicht der erste, der in Troja Ausgrabungen tätigte, doch war es seine Nachhaltigkeit, welche den Durchbruch brachte, denn sein Vorgänger wagte keine festen Behauptungen aufzustellen. Schliemann ging jedoch noch weiter – seine erste Ausgrabung in Troja war nicht genehmigt – es sind in der Geschichte oft jene Menschen, die viel wagten, welche der faktenbezogenen Wissenschaft neue Erkenntnisse und neue Arbeitsbereiche brachten.
In einem ähnlichen Hintergrund sehe ich die Berechtigung der Amazonen in einem historischen Roman – denn wer will behaupten, dass ein heute rein faktenorientierter und hoch gelobter historischer Roman durch neue Erkenntnisse nicht schon in wenigen Jahren als historisch falsch zu werten sein wird?

- Birgit Fiolka ist freie Schriftstellerin und Maskenbildnerin (www.birgit-fiolka.de)


 

 AMAZONENTOCHTER eine Buchvorstellung von Marcel Bieger
 
 
 

Birgit Fiolka
AMAZONENTOCHTER
Berg: Gladbach 2008, 700 Seiten,
ISBN 978-3-404-15857-7


eine Buchvorstellung von Marcel Bieger

Wir tauchen ein in die Zeit um das Jahr 1200 v. Chr., in eine Zeit voller Umwälzungen und Veränderungen. Einige bezeichnen diese Ära als frühe Völkerwanderung, andere als einen Weltkrieg. Wie auch immer, viele Entwicklungen der damaligen Verwerfungen sind uns bis heute in Form von Mythen erhalten geblieben: der Trojanische Krieg, der Auszug der Israeliten aus Ägypten, die Amazonen. Was ist diesen dreien gemein? Daß sich nichts davon nachweisen läßt.
Autorin Fiolka sagt aber nun, daß man dann ja auch nicht das Gegenteil beweisen kann, und spinnt aus diesem Mythengarn eine monumentale Geschichte mit Zügen einer altgriechischen Tragödie. Damals wurde die (bekannte) Welt von zwei Machtblöcken beherrscht, dem hethitischen Reich (mit Schwerpunkt Anatolien) und Ägypten, genauer dem Neuen Reich. Diese beiden Imperien haben ihre kriegerischen Auseinandersetzungen hinter sich und kooperieren, eine Frühform der friedlichen Koexistenz. Und zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Romangeschichte. Randerscheinungen spielen natürlich ebenfalls eine Rolle: Am Eingang zum Scharzen Meer liegt Troja, das durch seine günstige Lage allen Schiffsverkehr zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Schwarzen Meer kontrolliert. Schon allein die Zolleinnahmen müssen die Stadt sagenhaft reich gemacht haben. Kein Wunder, wenn begehrliche Blicke auf diesen Ort geworfen werden. Gerade haben sich die Mykener (die Vorläufer der späteren klassischen Griechen) mit einer Flotte auf den Weg gemacht, um dieses Hindernis aus dem Weg zu räumen. Ein Grund wurde auch gefunden, einer der Königssöhne des trojanischen Königs habe angeblich die Ehefrau der spartanischen Königs entführt. Daber handelt es sich nur um einen Vorwand, denn die Schöne Helena ist freiwillig mitgegangen; in späteren Zeiten werde es statt schöner Frauen geheime Massenvernichtungswaffen sein, die den Einmarsch in den Irak rechtfertigen sollen.
Aber da gibt es auch noch an der Südküste des Schwarzen Meeres die Amazonen, einen Stamm werhafter Frauen, die sich Männer als Sklaven halten, sich einmal im Jahr mit umliegenden Stämmen paaren und vom Nachwuchs nur die Töchter bei sich dulden. In dieser Frauengemeinschaft wächst Selena auf, eine Waise (die Mutter wurde bei einem Amazonenüberfall getötet), die von einer der beiden Königinnen adoptiert wurde (die Frauen haben eine Priester- und eine Kriegskönigin). Sie kennt nur die Welt der Amazonen und bereitet sich mit ihrer Nennschwester Palla (der Tochter der Kriegskönigin) darauf vor, eines Tages die Herrschaft zu übernehmen. Erste Veränderungen zeigen sich, als Palla und Selena alt genug sind, um zwecks Begattung mit zu den in den Bergen hausenden Kaskäern dürfen. Selena zieht es vor, noch ein Jahr länger zu warten, aber Palla verliebt sich unsterblich in den Häuptling, und fortan sind ihre Pläne nicht mehr unbedingt identlsch mit dem Wohl der Amazonen.
Selena gerät bei einem Ausflug in den nächsten Marktort mit dem Königssohn der Hethiter aneinander, bricht ihm, unbeherrscht wie sie ist, die Nase, und wird dafür von diesem gefangengenommen und in die Hauptstadt Hattusa verschleppt. In der Folgezeit wird sie noch einige Männernasen brechen, aber es ihrerseits noch viel öfter auf den Kopf bekommen. Kaum eingetroffen gerät Selena schon mitten hinein in die Hofintrigen. Während der Prinz sie eigentlich in seinen Harem bringen will, läßt die Königin sie wegschaffen und in ihren Gemächern unterbringen. Diese stammt nämlich ebenfalls von den Amazonen ab, und die beiden freunden sich an. Selena kommt langsam hinter die Geheimnisse der Königin, deren Priesterinnen es verstehen, aus Eisen Schwerter zu schmieden – eine bis dahin allgemein unbekannte Möglichkeit. Zu Kriegszeiten zieht man noch mit Bronzewaffen gegeneinander. Die Königin, wie gesagt aus dem alten Volk stammend, plant, mit den Priesterinnen und den Eisenschwertern einen Aufstand zu entfachen und die Hethiter, die einst als Invasoren ins Land kamen, zu vernichten. Das Komplott fliegt auf, und die Königin wird unter Hausarrest gestellt. Von nun an hat der Prinz das Sagen, denn der König selbst ist alt und schwach. Eine ägyptische Delegation kommt an den Hof, und Selena verliebt sich in deren Leiter. Sie wird von ihm schwanger, doch als der Ägypter in seine Heimat zurückwill, begleitet sie ihn nicht, denn inzwischen ist ein dringender Hilfsappell von Troja na den hethitischen Hof gelangt, daß man der Unterstützung gegen die Mykener bedürfe. Der Königssohn fordert Selena auf, mit ihren Kriegerinnen vorauszueilen, damit ihm ausreichend Zeit bleibe, sein Heer zu sammeln und ebenfalls nach Troja zu ziehen.
Selena kehrt in ihre alte Heimat zurück, kann aber nur das halbe Frauenheer mobilisieren; denn Palla hat andere Pläne. Sie will mit ihren Frauen und den Kaskäern abwarten, bis die Hethiter ausgezogen sind, um dann die Hauptstadt zu überfallen und auszuplündern. Ob der Prinz dies ahnt oder ganz andere Pläne verfolgt, bleibt unklar, denn er behält seine Streitmacht in Hattusa, und als Pallas Frauen und die Kaskäer kommen, werden sie niedergemacht. Palla opfert, ohne mit der Wimper zu zucken, ihren Kaskäerhäuptling und läßt sich mit dem Königssohn ein.
Selena ist inzwischen mit ihren Kriegerinnen in Troja eingetroffen, und schon bei der ersten Schlacht erleiden sie große Verluste. So geht es weiter, bis auch noch die letzte Amazonin den Tod findet, als die Griechen sich mittels des hölzernen Pferdes Zutritt in die Stadt verschafft haben. Selena kann fliehen und wendet sich nach Ägypten, um dort ihren Mann und ihren Sohn, den er in seine Obhut genommen hatte, wiederzusehen. Kaum am Nil eingetroffen gerät sie auch hier wieder zwischen die Intrigen und Komplotte. Sie muß einiges auf sich nehmen, ehe Palla, die mit dem hethitischen Königssohn ebenfalls nach Ägypten gekommen ist und ihr zusätzlich das Leben schwer macht, den gerechten Tod findet und der Pharao selbst Selena in Ehren aufnimmt.
Birgit Fiolka spannt einen weiten Bogen, und als Hobby-Ägyptologin hat sie tiefen Einblick in die Materie, von dem sie dann auch reichlich Gebrauch macht. Bei Knaur liegt bereits ein Tetraglogie von ihr mit altägyptischen Abenteuern vor, jetzt hat sie sich für ihren neuen Verlag einen weit größeren Rahmen zurechtgelegt. Ihre Frauenfiguren sind stimmig und nicht allesamt strahlende Heldinnen und Tugendboldinen. Auch die Kultur der Amazonen wird plastisch und nachvollziehbar dargestellt. So dringen die Leserinnen eine farbige und fremde Welt vor, die von der Autorin jedoch nachvollziehbar dargestellt wird. Immer wieder postiiv verblüffend: Fiolkas Figuren agieren nicht im Kanon von Schuld und Sühne, Mitgefühl und Demut, denn dieser christliche Katalog ist 1200 Jahre vor der Geburt seines Erfinders natürlich noch vollkommen unbekannt.
Eine Fortsetzung ist geplant, und vielleicht erfahren wir dann auch mehr über die Herkunft Selenas. Eine großgewachsene Frau mit blonden Haaren und blauen Augen ist im sogenannten fruchtbaren Halbmond mehr als selten. Eigentlich sind nur unter Germanen solche Menschen zu finden. Aber vielleicht stößt Birgit Fiolka ja auf einen noch viel exotischeren Mythos.

- Marcel Bieger ist Redakteur des „Oriental Cosmos“.

 


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