oriental-cosmos v.1.0 / 11.07 |
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7. Tribal Fusion
7.1. Meinungen zu Fusion
Petra Kaiser
Tribal und Fusion haben nichts gemeinsam!
Zarka
TRIBAL FUSION PROTOKOLLE
- von Marcel Bieger
Gothic Tribal-Style/ Gothic Bellydance/ Gothic Fusion
Darker than black !
LILY QAMAR: NACHTRAG ZU DEN TRIBAL FUSION PROTOKOLLEN
TRIBAL FUSION PROTOKOLLE 2 - von Marcel Bieger
„BURLESQUE IN DEUTSCHLAND“
TRIBAL FUSION PROTOKOLLE 3 - von Marcel Bieger
| Petra Kaiser (22.11.2007) | |
Die
Was sollen wir uns unter dem neuen Zauberwort "Fusion" vorstellen? Besonders jüngere Tänzerinnen haben da recht strenge Vorstellungen. Manche betonen darunter die Bedeutung von Gothic.
Eine Frage an Petra Kaiser ...
Was ich unter Tribal Fusion Style verstehe?
Ich denke, das ist ein Oberbegriff und hat nichts mit dem Alter der Tänzerinnen zu tun. Es ist ein übergreifender Begriff für die Verschmelzung und Abänderung von Tribalbewegungen mit Bewegungen aus anderen Tanzrichtungen. Gothic Fusion Tribal oder wie auch immer "es" genannt wird, ist meiner Meinung nach eine der vielen Möglichkeiten und hat meiner Meinung nach auch NICHTS mit dem Alter der Tänzerinnen zu tun, sondern beschreibt eine Annäherung von Gothictanz und Tribal Style.
Weitere Möglichkeiten oder Unterkategorien sind der Phantasie überlassen, z. B. Indian Fusion Tribal, wobei dies wiederum nicht heißt, daß NUR indischer Tanz und Tribal Style vermischt werden, sondern es können auch weitere Stile wie Hip Hop, Modern Dance uvam einfließen. Aber der Hauptbestandteil sind Bewegungen und z. B. Kostümteile aus dem indischen Tanz.
Ich tanze zum Beispiel Afro Fusion Tribal, und ich meine damit Bewegungen aus verschiedenen afrikanischen Tänzen, evtl. adaptiert, und Tribal Style Bewegungen, wobei ich auch noch Einflüsse aus Modern Dance und Salsa hineinmische.
- Petra Kaiser ist Leiterin des Stammes "Alhazar" (www.alhazar.de).
| Tribal und Fusion haben nichts gemeinsam! | |
Eine Provokation von Sylvia Sophia Assmann:
Anlaß für diesen Artikel ist eine DVD über experimentellen Tribal (Bellydance Underworld, Tribal Fusion. Experimental and Gothic performances), oft und auch auf dieser DVD als Tribal-Fusion bezeichnet. Irritierend die Tatsache, daß von zwölf Darbietungen nur drei von Gruppen, aber neun (75%) von Solistinnen gezeigt werden. Weiter verwirrt die Tatsache, daß die Gruppen eindeutig Choreographie (es findet keinerlei Blickkontakt zwischen den Gruppentänzerinnen statt) und keine typischen Tribalbewegungen tanzen und die Tänze der Solistinnen Tanztechnikdarbietungen vom Feinsten sind (meinen uneingeschränkten Respekt dafür), aber in keinster Weise an Tribal erinnern.
Für mich nicht erkennbar sind die Bezeichnung und der Bezug der gezeigten Tänze zu "Tribal".
Tribal Dance oder American Tribal Style (ATS) oder Tribal Style Belly Dance ist für mich der ursprüngliche "Tribal". Dieser Tribal ist "Fusion" in der ursprünglichen Wortbedeutung: Vermischung und Verschmelzung. Vermischung und Verschmelzung von Tanzschritten und Kostümteilen unterschiedlichster Länder, Traditionen und Stile, getragen von der Tribalphilosophie. Das, was auf dieser DVD zu sehen ist, ist demnach nicht Tribal! Denn: Tribal bedeutet nicht Solistin, Tribal bedeutet IMMER Gruppe. Tribal ist Gruppe, ist einfache Struktur, einfache Schritte, ist Improvisation mit Cues (Körperzeichen), ist miteinander, füreinander und "gleich" sein im Sinne von gleichwertig sein....
Im Tribal steht im Gegensatz zum z. B. orientalischen Tanz immer die Gruppe als Ganzes im Vordergrund. Natürlich gibt es Solis, Duette usw. Diese sind aber im Sinne des Tribalgedankens in das "Gesamtbild Tribe/Gruppe" integriert, und damit nur ein kleiner Teil dieses Tanzes.
Die Tänzerinnen dieser DVD liefern Meisterleistungen an Technik mit Körperbeherrschung und -"verrenkung". Diese Bewegungen sind aber von keiner Gruppe tanzbar, in der nicht jede Frau eine mehrjährige Ballett- und Yogaerfahrung vorzuweisen hat und mindestens mehrmals wöchentlich trainiert. Auch hier der Unterschied zu "Tribal": Tribal profiliert sich nicht mit Körperbeherrschung und -verrenkung, die nur speziell ausgebildeten Tänzerinnen möglich sind, sondern mit für alle tanzbaren Bewegungen und Schritten und vor allem mit gelebter und gezeigter Stärke und Würde. Tribal ist kein Abarbeiten komplizierter Bewegungsabfolgen oder Choreographien, sondern in Einheit und synchron getanzte Schritte von mehreren Frauen. Dies erfordert ein vereinheitlichtes Bewegungsrepertoire mit meist einfach strukturierten, für alle Frauen tanzbaren, Schritten, die häufig technisch anspruchsarm wirken, es aber keinesfalls sind. Werden die Schritte und Bewegungen zu kompliziert oder benötigt man dazu einen hochtrainierten Körper, den die meisten Frauen nicht haben, schließt dies Frauen aus, die nicht so beweglich sind, und das widerspricht dem Tribalgedanken, schafft u. U. wieder Neid und Konkurrenz, wofür im Tribal kein Platz ist.
Ein perfektes Solo auf der Bühne zu tanzen, ist bewundernswert, aber welche Herausforderung ist es, und welche persönliche Reife ist notwendig, um in einer Gruppe Rücksicht auf alle zu nehmen, sich selbst hintan, im wahrsten Sinn des Wortes mit den anderen Tänzerinnen gleich zu stellen, dafür zu sorgen, dass alle lernen und das Level des Tribes immer höher wird..? Tribal erfordert im Gegensatz zum Solotanz die Fähigkeit zur Interaktion, zur Kommunikation. Zur gleichzeitigen Achtsamkeit und Konzentration auf die Führende, die eigene Person und die Gruppe. Denn in einer Gruppe (ohne Choreographie) exakte Technik absolut synchron und gepaart mit Ausdruck und Kraft zu tanzen, verlangt ein hohes Maß an tänzerischen und sozialen Fähigkeiten. Dies vermittelt den Eindruck von Stärke und Einheit, das, was so an Tribal fasziniert.Solistinnen mögen den Zuschauer durch Ausstrahlung und Technik in den Bann ziehen, sie vermögen aber nicht, das "Tribalfeeling" für den Zuschauer entstehen zu lassen. Tribalfeeling, diese Faszination, wenn sich mehrere Frauen, sich ihrer Kraft, Macht und Stärke bewusst seiend, im Tanz vereinigen und den Zuschauer an diesem Ereignis und dieser Energie teilnehmen lassen. Alles was zurzeit an Fusion, Tribal Fusion, Indian Tribal Fusion, Gothic Tribal... und wie immer die Bezeichnungen auch lauten, getanzt wird, hat seine absolute Berechtigung in der Entwicklung des Tanzes! Es ist aber kein Tribal im ursprünglichen Sinn.
Es bedarf unter Umständen einer Differenzierung zwischen Tanzstilen, deren Bezeichnung und den dahinter stehenden Philosophien. So wie es wichtig ist, zwischen "Bauchtanz" und "orientalischem Tanz" zu differenzieren. Vielleicht nennt man die oben angesprochenen Tänze nur aus Verlegenheit Tribal und/oder Tribal Fusion, weil sie sich aus dieser Tanztradition entwickelt oder herauskristallisiert haben und weil es noch keinen anderen Begriff dafür gibt. Hilfreich und klärend wäre vielleicht, diese Tanzrichtung nur "Fusion" zu nennen oder neue Begriffe wie "experimental (Belly) Dance" oder "experimental Oriental Dance" oder Ähnliches zu schaffen .
| ZARKA | |
ZARKA
Tribal Fusion ist für uns die Verschmelzung des "klassischen" ATS nach Fat Chance Bellydance (wobei das ja an und für sich schon eine Fusion mehrerer Tanzstile ist) mit Elementen aus Hip-Hop, Yoga, Modern Dance und vielem mehr. Da sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Die Kostüme ändern sich von Röcken, Pumphosen, Bommelgürteln, Choli und Turban zu deutlich offenherzigerenen BH- Varianten, Gürteln, Hosen (Melodias, Fluffie Rufflies etc.) und wildem Haarschmuck.
Tribal Fusion bietet die Möglichkeit mehr eigene Ideen einzubrimgen. Im ATS sind die Vorgaben - wenn man ganz klassisch tanzen möchte - ja doch strenger.
- Zarka leitet den Tribe Hedera (www.hederazarka1.de)
| TRIBAL FUSION PROTOKOLLE - von Marcel Bieger | |
TRIBAL FUSION PROTOKOLLE
- von Marcel Bieger
| Gothic Tribal-Style/ Gothic Bellydance/ Gothic Fusion Darker than black ! | |
Gothic Tribal-Style / Gothic Bellydance / Gothic Fusion
Darker than black !
- von Arzo
Bilder © by A. Renz
Die Gothic Szene:
BDSM- und Fetisch-Szene:
In den 90er Jahren war in der Gesellschaft ein zunehmender Trend an Lack-, Leder- und Fetischkleidung erkennbar, die in Katalogen und in Kaufhäusern angeboten wurde. Dieser neue Modetrend ging auch an der schwarzen Szene nicht einfach vorüber. Schwarzes Leder und schwarzer Lack wurden zur Szenekleidung erhoben. Obwohl viele Gothics der SM-Szene offen gegenüber stehen, gibt es im sexuellen Bereich nur wenig Überschneidungen, denn für die Gothics ist in erster Linie die Kleidung und nicht die Sexualpraktik interessant. Dennoch ist zu erwähnen, dass kaum eine andere Szene ihren Körper so stark zelebriert und erotisiert wie die Gothic Szene. Piercings, die vor der Kommerzialisierung nur in der SM-Szene zu finden waren, finden sich im Vergleich zu anderen Szenen am meisten an Gothic Anhängern wieder; und auch die Kleidung der vor allem weiblichen Gothics ist als sehr körperbetont und bewusst "sexy" anzusehen.
| LILY QAMAR: NACHTRAG ZU DEN TRIBAL FUSION PROTOKOLLEN | |
Für mich steht beim Fusion die Priesterin eher im Vordergrund als die
Kriegerin. Zwar dominieren bei jener auch Stärke und Stolz, aber auf eine andere Art und Weise, mystischer, in sich ruhender vielleicht.
Während die klassische Tribal Frau den großen Säbel schwingt, benutzt die Fusion-Frau ebenso kraftvoll einen Dolch. Aber im Fusion geht natürlich beides.
Über Kleidung und Frisur kann ich nur soviel sagen, dass ich selber noch ausprobiere und auch immer wieder neue Sachen trage. Meist habe ich die mal irgendwo gesehen und zugegriffen. Diese anscheind für den Fusion so typischen Hosen heißen Melodia Pants und stammen natürlich aus den USA. Wer als erste damit um die Ecke kam, weiß ich nicht, aber bis dahin kannte man (ich jedenfalls) beim Bauchtanz oder Tribal nur Pumphosen. Das war jetzt mal was ganz, ganz anderes und
hat sofort eingeschlagen. Die Melodia besitzt einen eigenen Charme, sie ist modern, fügt sich aber nahtlos in Bommel und Wollfransen und antike
Münzgürteln ein. Die 'normale' Meldodia hat keine Strapse, sie ist
wie eine Jazzdance-Trainingshose geschneidert, mit einem tierisch weiten geschlitzen Schlag und einer sehr schlank geschnitten Hüfte, die durch ein separates Tuch betont wird. Man bekommt sie leider nur in den USA.
Die Strapse hab ich zum ersten mal bei Sharon Kihara gesehen und fand das klasse und gewagt. Für mich stehen bei den Klamotten Extravaganz und die Lust, neues auszuprobieren, im Vordergrund.
Natürlich orientiere ich mich stark an anderen, aber ich lasse mir auch gerne ganz eigene Sachen einfallen. Wie z.B. den Rock, den ich über der Strapshose getragen hatte (auf der Weihnachtsfeier von Apsara, s. OC 4.1.8): Ich habe ihn vorne hochgenommen und nach hinten
gesteckt, also vorne Hose, hinten Rock. (was ich nicht wusste, war, dass es das schon gibt), aber so gefällt es mir eben.
Bei den Frisuren kommt es mir persönlich sehr darauf an, dass die Grundfrisur elegant ist, was durch den Seitenscheitel betont wird, daher auch die Assoziation zu den Wassewellen-Frisuren der 20er Jahre (und früher). Und die Accessoires geben der Sache den letzten Schliff
und lockern die Eleganz etwas auf, ohne sie zu verlieren. So entsteht
wieder ein ganz eigener Charme. Mir fällt dabei immer der Begriff Avantgarde ein.
Die Breaks sind unerlässlich beim Fuison. Sie erheben erst den Tanz mit den Binnenkörperlichen Bewegungen und den Laybacks, etc. pp. zu einer eigenständigen Kunstform, die es mit ihrer abstrakten Ausrichtung zu bestaunen lohnt und die sie von den klassischen Orienttanz- und Tribalformen unterscheidet.
Ob sich schon eine eigenständige Fusion-Szene in Deutschland gebildet hat, dazu kann ich nicht viel sagen. Es gibt mittlerweile viele
viele tolle Fusion-Tänzerinnen, von denen ich hoffentlich noch viel
lernen kann. Mein Leben ist der Tanz, und ich hoffe, dass ich das später alles in meiner Arbeit als Bewegungspädagogin (ich bin noch inder Ausbildung) und später als Tanztherapeutin nutzen kann.
Anmerkung der Redaktion: Lily Qamar war bei den ersten Tribal-Fusion-Protokollen (OC 7.1.4) beteiligt, kann aber aus terminlichen Gründen nur selten daran teilnehmen. Die Reihe wird in Kürze in dieser Zeitung fortgesetzt.
- Lily Qamar tanzt beim Stamm „Goondarani“ (www.goondarani.de)
| TRIBAL FUSION PROTOKOLLE 2 | |
TRIBAL FUSION PROTOKOLLE 2
Oder: WO GEHT DIE REISE HIN?
von Marcel Bieger
Im gar nicht mehr so jungen neuen Jahr trifft man nur noch wenige Veranstaltungen an, die ohne wenigstens eine Nummer „Tribal Fusion“ auszukommen glauben. Dabei ist diese neue Spielart noch längst nicht arriviert. Wie viele Möglichkeiten noch im Tribal Fusion stecken, wohin die Entwicklung steuert und wie man sich von den anderen Formen absetzt, das wollen wir in den „Tribal Fusion Protokollen“ ausloten (s. OC 4.1.4).
Am 16. Februar kam der Autor wiederum mit Svahara Aicanar und Henneth Annun vom Duo Swara Armunn zusammen. Die beiden Protagonistinnen des Tribal Fusion gelten hierzulande nicht nur als Pionierinnen dieses Stils, sie haben auch eine Menge zum Thema kundzutun. Um es gleich vorweg zu sagen, das Thema erwies sich als derart ergiebig, daß in absehbarer Zeit die dritten Protokolle folgen werden. Steigen wir also ein, und zäumen wir das Pferd von hinten auf:
Wo hat Fusion seine Grenzen?
Für mich hat Fusion da seine Grenzen, wo man von den basics des Orientalischen Tanzes überhaupt gar nichts mehr sieht. Wenn man zum Beispiel soviel Hip Hop reinmischt, daß keine einzige Bauchtanzbewegung mehr erkennbar ist. Dann haben wir keinen Orientalischen Tanz mehr vor uns, sondern einen reinen Hip Hop. Oder wenn ich zu viel Grazie vom Ballett hineinlege, plus klassische Musik, dann habe ich es auch nicht mehr mit Bauchtanz zu tun, sondern mit Ballett. Ansonsten sind die Grenzen aber recht fließend, und ich habe noch nichts gesehen, was derart den Rahmen gesprengt hätte.
Bei Gruppen wie The Uzume muß man aber schon genau hingucken, oder?
Also ich finde schon, daß die ihre orientalischen Basics noch haben. Die machen ihre „majas“ oder „Schlangenarme“, die haben ihre Bauch- und Körperwellen. Ich finde, „The Uzume“ haben noch recht viel Orientalisches.
Fusion ist eine noch sehr junge Bewegung, und deswegen gibt es nur ein paar Große, an denen die anderen sich orientieren. Das tun wir auch und sehen uns die Beispiele, die wir bekommen, sehr genau an. Wir bleiben in unserer Interpretation derselben nah am Kern. Fusion ist, wie der Name schon sagt, eine Verschmelzung, eine Fusion. In diesem Fall aus Tribal, Bauchtanz und neuerer Musik. Das Besondere daran ist die Mischung. Wie bei den beiden Extremfarben Schwarz und Weiß kann man beim Tribal Fusion eine Million Grautöne erhalten. Je älter diese neue Bewegung wird, desto mehr Mischformen werden sich entwickelt haben, genau so, wie es ja mittlerweile beim Tribal zu beobachten ist, das geht ja bis zum Afro-Tribal und so weiter.
Tribal Fusion ist also etwas richtig Neues, bei dem man noch gar nicht absehen kann, wo die Reise hingeht.
Man hat ein Bild im Kopf, wie das Kostüm aussehen sollte, welche Musik dazugehört, wie die Bewegungen sein sollten. Aber das wird sich im Laufe der Entwicklung aufweichen und abglätten, bis wir dann eines Tages den Afro Tribal Fusion haben (lacht) Twenties Afro Tribal Fusion! Aber wer weiß, wie dann alles aussieht. Zur Zeit ist die Sache noch ziemlich klar und heißt Tribal Fusion.
Die Tribal-Puristinnen sagen aber, daß Tribal Fusion nicht mehr viel mit Tribal zu tun habe.
Den Bericht bei Euch (OC 7.1.2 „Tribal und Fusion haben nichts gemeinsam“, von Sylvia Assmann) haben wir gelesen, wo eine junge Dame sagt, man dürfe das nicht Tribal Fusion nennen. Ich finde, daß man das so nicht sagen kann. So, wie es sich uns darstellt, hat Fusion ganz klar seine Wurzeln im Tribal. Die klassischen Tribal-Bewegungen tauchen im Fusion immer wieder auf, weil der stolze Ausdruck der Tänzerin ja auch Bestandteil des Fusion ist. Natürlich vermischt sich auch das, und wieviel Anteil vom klassischen Tribal noch drin ist, hängt natürlich von der jeweiligen Tanznummer ab. Außerdem ist der Fusion doch irgendwann aus dem Tribal geboren worden.
Wenn man den Tribal-Begriff natürlich so eng faßt, dann hat Fusion mit dem Improvisatorischen und den Cues, den Zeichen, nicht mehr viel zu tun. Aber es gibt Bewegungen, die aus dem Tribal kommen und im Fusion verbaut und variiert werden. Und deswegen kann man das Tribal Fusion nennen, weil das eine aus dem anderen entwickelt worden ist.
Oder sollte ein neuer Name her?
Wieso, Tribal Fusion paßt doch sehr gut. Außerdem, wenn wir uns jetzt einen neuen Namen ausdenken würden, wer würde den dann übernehmen. So etwas entwickelt sich im Untergrund und ist eines Tages da. Ich glaube nicht, daß jemand im stillen Kämmerlein gesessen und sich überlegt hat, das nennen wir jetzt Tribal Fusion. Irgendwann war der Begriff da, hat seine Runde gezogen, und der Kreis der Eingeweihten hat ihn übernommen. Schau doch mal in „You Tube“ rein, sogar da hat sich der Begriff „Tribal Fusion“ schon festgesetzt. Wer sind wir, daß wir da unbedingt einen neuen Namen erfinden müssen?
Stichwort „You Tube“, da findet man ja mittlerweile sehr viele Beispiele für Tribal Fusion und andere Varianten, für die es zum Teil in Deutschland noch gar kein Äquivalent gibt. Can-Can-Tänze, Stummfilmfrisuren, was bahnt sich da für eine weitere Richtung an?
Das ist ein interessantes Thema: Wenn wir uns mit Fusion beschäftigen, also mit Verschmelzung verschiedener Stile, dann schaut man sich natürlich um, wo kriege ich noch Inspirationen her? Dabei stolpert man dann über so einen Film oder ein Lied aus den 20er Jahren und findet die Frisuren ganz klasse. Und dann wählt man vielleicht auch noch eine Musik aus dieser Richtung, tanzt dazu aber mit den Bewegungen des Orienttanzes und des Tribal und paßt sie den neuen Gegebenheiten an, das heißt, variiert sie.
Auf dieser vorhin bereits erwähnten DVD findet sich eine Tänzerin mit Namen Tempest, die zu 20er Jahre-Musik tanzt und durchaus erkennbar Tribal-Bewegungen tanzt, sich aber in allem anderen radikal unterscheidet.
Stimmt. Finden wir auch, daß sie sich radikal von allem anderen unterscheidet. Das ist mehr angelehnt an so eine Show-Diva aus den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Man weiß ja nie, wer hat zum Beispiel die Glühbirne erfunden. Meist taucht so etwas ja an mehreren Stellen gleichzeitig auf. Ob das nun in diesem Fall schon wieder Rachel Brice war, oder nicht. Es sieht aber ganz so aus, als ziehe eine 30er-, 40er Jahre Welle durch die Welt, das wird ja vor allem an den Schuhen deutlich. Mit dem damaligen Styling und dem barocken Absatz, was wir zum Beispiel gerade tragen. Es kocht gerade so ein Revival der 20er Jahre hoch, besonders im Hinblick auf das damalige Schönheitsideal. Solche Modeerscheinungen werden natürlich sofort von Underground-Bewegungen wie auch dem Tribal Fusion verwertet.
Wir glauben auch, daß das in den nächsten Jahren noch stärker werden wird, so in Richtung Mata Hari Style. Das martialische, folkloristische des Tribal wird dann zugunsten des Divenhaften, Damenhaften eben des Glamour in den Hintergrund treten. Es kommt sich auch darauf an, wie die Frauen sich selbst sehen. Die Frauen wollten sich ja erst einmal befreien, Stichwort Emanzipationsbewegung. Da ging es den Frauen darum stärker rüberzukommen, deswegen das martialische. Die Frau wollte ja die Kraft zeigen, die in ihr steckt.
Auf der anderen Seite möchte Frau aber auch Lady und Diva sein und auch Glamour haben. Ich glaube als Frau versucht man sämtliche Facetten, die man in sich trägt, auch nach außen zu tragen. Und das ist doch einfach ein schönes Gefühl. Man tanzt ja nicht nur damit die Leute einem zujubeln, sondern auch um zu sich selbst zu finden. Was ist in mir, was möchte ich ausleben? Etwas aufwecken, was möglicherweise in mir schläft.
Wir hoffen ja, daß jüngere Frauen, die sich vielleicht noch nicht so ganz sicher fühlen, uns sehen und sich dann sagen, hey, das probier ich auch mal aus, das ist etwas für mich.
Muß frau nicht erst eine gewisse Entwicklungsstufe erreicht haben, ehe sie sich dem Fusion zuwenden kann?
Die Entwicklungsstufe erreicht sie aber auch durch den Input, den sie von außen erhält. Vielleicht sind wir ja ein solcher Input, das wäre doch schön. Dann würden wir etwas weitergeben, so wie wir selbst etwas bekommen haben. Jeder gibt an den nächsten weiter. Man schiebt sich gegenseitig an, wird angepiekt und piekt wieder andere, das ist ein Geben und Nehmen. Wie viel man geben kann, hängt natürlich auch vom Bekanntheitsgrad ab. Je bekannter man ist, desto mehr Menschen können sich inspirieren lassen.
Wo siedelt Ihr Euch selbst in der Bewegung an. Sie kommt ja aus den USA und ist wie so vieles von dort Bestandteil der Pop-Kultur. Wo geht die Reise in Deutschland hin, und wer seid Ihr da, Schaffner, Zugführer, oder sitzt Ihr in der ersten Klasse?
Das können wir jetzt gar nicht sagen, weil wir ja mittendrin stecken. In ein paar Jahren können wir vielleicht rückblickend sagen, ja, damals war ich einer der Schaffner, oder sogar der Zugführer. Während man mittendrin trappelt kriegt man das ja nicht so mit. Für mich bin ich gerade jemand, der mitten im Zug steckt. Vor allem, weil man ja auch mal in dieses Abteil schnuppert und mal in jenes hineinguckt
Wo wollt Ihr hin?
Hm, gute Frage ... Würde ich mir jetzt schon einen Endpunkt setzen, dann könnte vielleicht schon in einem Jahr alles vorbei sein. Wir werden sicher noch einiges ausprobieren. Vor allem haben wir verschiedene Inspirationen aus dem Mittelalter. Zum Beispiel von Kriegerinnen, indem wir mit Dolchen und Schwertern experimentieren. Wir lassen uns inspirieren von Diven vom Anfang des 20. Jahrhunderts, da haben wir ja auch noch einiges vor. Oder Zigeuner, Flamenco. Es gibt so viele Einflüsse und Ideen, die zum Teil mehrmals kommen oder immer wieder auftauchen, und ich weiß wirklich nicht, ob wir jemals die Zeit haben werden, das alles wirklich umzusetzen.
Also wir haben wirklich so viele Ansätze, daß wir gar nicht sagen können, wo die Reise hingehen soll, höchstens dahin, daß wir endlich mal alles rauslassen, was in uns steckt. Beim Tanzenlernen haben wir vieles eingesammelt, und jetzt sind wir langsam an einem Punkt, an dem wir sagen, nun haben wir es einigermaßen begriffen, jetzt möchten wir das Füllhorn endlich mal ausschütten Darin befinden sich so viele Themen und phantastische Bilder, daß wir mindestens noch ein Jahr damit beschäftigt sein werden, die alle herauszuholen.
Wenn ich so darüber nachdenke, das könnte ein Ziel sein: Eben alles herauslassen, was uns an Kreativität geschenkt wurde. Ich würde mich sehr freuen, wenn in ein, zwei Jahren die Leute nicht mehr sagen, Swara Armunn, wer ist das denn? Sondern, ah, ja, Swara Armunn, die haben wir schon gesehen, die waren toll. Also, das wäre ein lohnenswertes mittelfristiges Ziel.
Oder wenn jemand sagt, Mensch, ich habe Swara Armunn gesehen, und das hat mich inspiriert, so etwas auch mal auszuprobieren. Sophia Chariarse („Mayawati“) erzählte uns, nachdem sie unseren Auftritt mit „Teltasnake“ gesehen hatte, sei sie so beeindruckt von Choreo und Kostüm gewesen, daß sie mit neuer Inspiration noch mal an ihren eigenen Tanz gegangen sei und einiges verändert habe. Ein größeres Kompliment kann man sich doch gar nicht wünschen als von so einer großartigen Künstlerin und Tänzerin wie Sophia Chariarse. Und neulich hat uns eine Schülerin von Sophia, die aus Griechenland kommt, mit großen Augen angesehen und gefragt, seid Ihr nicht die zwei aus „You Tube“? Da waren wir ganz baff, dass man uns sogar in Griechenland kennt. (beide lachen)
Immerhin seid Ihr mit sechs Videos bei „You Tube“ vertreten, das hat aus Deutschland kaum eine andere Gruppe zu bieten.
Na ja, wir machen halt viel mit Internet, und ich habe einen Freund, der ist noch internetverrückter als ich. Unsere Männer stehen voll dahinter, und wir sind ein richtig gutes Team. Ohne solche funktionierende Partnerschaften, wäre eine Umsetzung gar nicht in dieser Form möglich. Ich kann mir vorstellen, daß es Mädchen und Frauen gibt, wo der Mann so gar nicht dahintersteht und es ihnen vielleicht absichtlich schwer macht, ihre Sache auszuleben. Ich bin so dankbar, daß wir Männer haben, die da so mitmachen, uns unterstützen und sich mit reinhängen, das ist wirklich unglaublich. Annuns Mann filmt und Svaharas macht Internet und Fotos. Wir brauchen nur zu bitten, und am nächsten Tag ist das Ding drin, zum Beispiel in „You Tube“. Und wir beide haben nichts anderes dazu getan, als miteinander zu tanzen.
Das war das erste, das Annuns Mann gemacht hat. Aus zwei Perspektiven, zuhause geschnippelt, und wenn man sich anschaut, was sonst so dort eingestellt wird, kann man nur sagen, das Video ist wirklich schön.
Als nächstes planen wir eine Schwerttanz-Nummer. Wir haben eine Einladung von einer unserer ehemaligen Lehrerinnen erhalten, zu einer Szene aus dem Film „Gladiator“ etwas zu entwickeln, genauer zu der Szene, wo Gut und Böse gegeneinander kämpfen. Jetzt hatte sie aber niemanden bei sich in der Gruppe, die ihr dafür geeignet erschien, und dann bin ich ihr eingefallen, weil ich bei Schwertvorführungen eine ziemliche Power ausstrahle und meine Schwertbewegungen glaubwürdig rüberbringe.
Wir haben dann geprobt und ziemlich bald festgestellt, daß mit einem Schwert filmisch umzugehen doch etwas ganz anderes ist als die Handhabung bei üblichen Tanzchoreographien,in denen bisher ein Schwert vorwiegend auf dem Kopf balanciert wird, oder ähnliches. Dabei geht es ja vor allem um das Tänzerische verbunden mit der Kunst, daß einem das Schwert nicht herunterfällt. Bei unserem Projekt ging es aber darum, das Kämpferische herauszuheben. Durch Videoanalyse sind wir dann auf eine Menge Unterschiede gestoßen.
Bei unserem Stück geht es im Prinzip darum, daß wir gegeneinander kämpfen, als Dämonen, die sich hassen, die die Welt ebenso nicht mögen und das Gute und das Licht sowieso nicht. Um so etwas anschaulich rüberzubringen, muß ein Schwert so geführt werden, daß ein Angriff glaubwürdig erfolgt. Das ist zwar alles choreographiert, aber auch in einer choreographischen Darstellung müssen die Paraden plötzlich gesetzt werden. Wir als Tänzerinnen reagieren zwar in einer bestimmten Weise, weil wir wissen, von welcher Seite die andere angreifen wird, aber für den Zuschauer muß das überraschend kommen. Der Zuschauer muß glauben, wenn Svahara ihr Schwert schwingt, weiß ich nicht, wo es landen wird, und so muß meine Parade erfolgen.
Das scheppert dann auch ganz schön bei unserer Nummer. Unsere Schwerter tippen sich nicht nur ein bißchen an, sondern wir schlagen mit Kraft. Dazu bedarf es natürlich richtiger Schaukampfschwerter. Des weiteren muß ich mir überlegen, wo will ich hinschlagen, und nicht, wie beim gewohnten Tanz, wir treffen uns ja nur in der Mitte. Ich versuche zum Beispiel, ihr die Knie wegzuschlagen, entsprechend muß ich mich bewegen, und entsprechend fällt auch ihre Parade aus. Am Anfang hatten wir lediglich abwechselnd die Schwerter oben und unten gekreuzt, so daß es schön aussah. Da so etwas aber absolut nicht kämpferisch wirkt, mußten wir umdenken. Das glaubt einem ja kein Mensch mehr, daß da zwei richtig kämpfen. Also mußten wir das so einstudieren, daß es wie ein richtiger Zweikampf aussah. Dabei kam uns zugute, daß ich (Annun) auch Mittelalterdarstellung mache und mein Mann mehrere Schwertkampfseminare besucht hat.
Am wichtigsten aber war, daß wir bestimmte Bilder im Kopf hatten, wie diese oder jene Szene vernünftig auszusehen hat. Oft stammen die von Piraten- oder Musketierfilmen, die wir als Kind gesehen haben, oder jetzt von „Fluch der Karibik“ mit seinen grandiosen Kampfszenen. Alles in allem hatten wir einfach ein Gefühl dafür, wie das Ergebnis auszusehen hat. Und daran haben wir uns gehalten. Wir haben ja auch das Bild der Kriegerin in uns, und so mischen sich dabei Fachkenntnis mit innerem Identifizieren.
„Kriegerin“ ist ein großes Thema für Euch, neben Priesterin und Tänzerin.
Das sind klassische Archetypen, wie zum Beispiel der Alte, das Kind, der Narr, der Helfer, Künstler, Krieger, Gelehrter, Weiser, Priester und König. Auch die Psychologie und ihre Vertreter wie C.G.Jung beschäftigen sich viel mit diesen Urbildern der Seele. Diese gab es aber schon lange davor, eigentlich schon immer, deswegen heißen sie ja auch so; und natürlich gibt es sie noch. Nun, was hat das mit uns zu tun? Wir haben bei der Suche nach uns selbst, nach unseren Kräften und Stärken, uns auch diesen Katalog angeschaut, um festzustellen, von welchem Typus hast Du etwas in Dir, wovon fühlst du dich angezogen? Wenn ich früher einen Piratenfilm geguckt habe, fand ich immer den Piratenkapitän toll und nicht die Frau, die schreiend an der Reling steht und gerettet werden möchte. Die fand ich sogar stinklangweilig (beide lachen)
Bei Jungs ist es oft so, daß sie die Bösen viel interessanter finden als die Guten. Die Bösen wollen von der Norm abweichen und müssen sich Gedanken machen, wie sie ihre Tat umsetzen können. Während die Guten nur die Norm wiederherzustellen haben und dafür wenig Gehirnschmalz aufbringen müssen.
Na ja, für uns sind eigentlich beide Seiten interessant, beide haben uns gefallen. Aber abgesehen von den Piratenkapitänen ist der Typus des Heilers für uns wichtig. Heilung heißt ja auch guttun. So gesehen verstehen wir uns auch nicht als reine Kriegerinnen, sondern als beides. Wir haben alle diese Aspekte wie jeder Mensch in uns, die wir in unseren Tänzen nach außen zu bringen versuchen. Die höchste Form stellen immer Mischungen dar, wie bei uns Heilerin, Priesterin und Kriegerin. Die Kriegerin kann ohne den Glauben an Gut und Böse genauso wenig allein in der Welt bestehen wie die Priesterin, die immer nur betet. Natürlich kommt in dem einen Tanz mehr der eine Aspekt als der andere zum Vorschein, aber insgesamt widmen wir uns immer unseren sämtlichen Facetten. Ob Göttin, Piratin oder lustbetonte Frau aus dem „Moulin Rouge“. Wir kramen halt wo dieser Frauentypus in uns steckt, und wenn wir ihn in uns gefunden haben, dann lassen wir diesen Teil nach draußen.
Habt Ihr in dieser Hinsicht ein Idol oder ein Ideal?
(Annun) Mir fällt da im Moment nichts Spezielles ein. Ich versuche, in Einklang mit allem zu gelangen, wenn wir uns mit der Göttin oder der Priesterin beschäftigen. Ich habe dann aber kein spezielles Bild von einer Göttin oder Priesterin vor Augen, daß ich z. B. sage, oh, ich möchte jetzt wie Morgana (Halbschwester Merlins und Oberste Heilerin und Prieserin von Avalon, Anm. d. Red.) sein, oder wie Athene oder wer auch immer. Für uns zählt da mehr das große Ganze.
(Svahara) Na gut, eigentlich hat man immer Bilder im Kopf. Bei dem Typus der Heilerin und Priesterin sind das bei mir vor allem die Gestalten aus dem Avalon-Mythos, wie Morgana sprich Morgan le Fey. Oder bei den Kriegerinnen, wie zum Beispiel Brunhilde aus der Nibelungen-Sage. Eben all das, was man mal gelesen hat und woran man sich dann erinnert, weil es einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Ich habe also meistens bestimme Personen vor dem geistigen Auge, die ich damit verbinde.
Habt Ihr die Avalon-Bücher von Marion Zimmer Bradley gelesen?
Nur das erste, und das auch nicht zu Ende, es hat mir nicht besonders gefallen. Ich hatte beim Lesen meine eigenen Vorstellungen mitgebracht und war dann etwas enttäuscht, als es sich anders entwickelt hat. Ich finde überhaupt, daß bei der Artus-Geschichte vieles verfälscht worden ist, da tauchten über die Jahrhunderte immer neue Variationen auf. Die Darstellung von Sexualität bei Marion Zimmer Bradley empfinde ich auch als merkwürdig und hat mir nie richtig gefallen.
swara armunn (www.swara-armunn.de)
Marcel Bieger ist Redakteur des „Oriental Cosmos“
| „BURLESQUE IN DEUTSCHLAND“ | |
Interview mit Yasmina vom Duo „Yasmandeenah“
- von Marcel Bieger
In den USA schon längst ein Begriff, der „Burlesque“: Westliche Tänze zu orientalischen Rhythmen in Kostümen aus der Zeit des Jugenstils bis zu den Zwanziger Jahren – oder orientalische Tänze zu Musik aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Das Ganze versteht sich als Spielart des Tribal Fusion. Jenseits des Großen Teiches auch als „Cabaret“ bekannt, würde man hierzulande eher „Varieté“-Stil dazu sagen. Eine theoretische Überlegung (s.a. „Tribal Fusion Protokolle“ in dieser Zeitung), denn bislang ist diese Bewegung noch kaum hierzulande zu sehen. Bis vor kurzem, während der 1. Norddeutschen Tribal Tage (s. OC 4.3), als eine junge Tänzerin auftrat und „Can Can“ mit Bewegungen des Orienttanzes veredelt darbot. Das hat uns natürlich interessiert.
Stell bitte dich und euer Duo vor.
Unser Duo heißt „Yasmandeenah“, ich bin Yasmina, und meine Kollegin heißt Mandana. Mein Name kommt aus dem Armenischen und bedeutet „die Blume Yasmeena“. Mandana heißt mit bürgerlichem Namen Konstanze, also konstant, und so bedeutet unser Name „die ewige Blüte“. Unser Symbol ist eine Blume in einem Kreis, denn der hat keinen Anfang und kein Ende. Deswegen sind wir auch die ewige Blüte. Konstanze und ich kennen uns seit zwei Jahren , und „Yasmandeenah“ haben wir vor einem Jahr gegründet. Wir haben zusammen Workshops besucht und sofort gemerkt, daß wir zusammen passen. Wir haben die gleiche Energie, das gleiche Ziel, das gleiche Tempo und die gleiche Phantasie. Unsere Ideen ergänzen sich. Kurzum, das paßt alles ganz wunderbar zwischen uns zusammen. Wir tanzen regelmäßig dreimal in der Woche gemeinsam. Wir planen auch viel zusammen, wir entwerfen unsere Kostüme gemeinsam, wir bearbeiten unsere Auftritte, wir schneiden Musik, unseren Kopfschmuck und überhaupt alles Mögliche machen wir zusammen, wir suchen die Farben für unsere Kostüme aus und beratschlagen, was am besten auf unser Publikum wirken könnte. Denn wir möchten daß das Publikum nach unserem Auftritt denkt, da war jemand auf der Bühne, da hat was stattgefunden, und sich an uns erinnert
Gestern habe euch gesehen, und da habt ihr etwas vorgeführt, das in Deutschladn noch sehr ungewöhnlich ist. Es hat hier noch nicht einmal einen offiziellen Namen. In Amerika heißt das „Burlesque“, und deine Interpretation war sehr vom „Can Can“ bestimmt.
Wir nennen das „Tribal Cabaret“, genauer gesagt „Tribaret“. Und ja, das ist was ganz Neues.
Zumindest für Deutschland, mir fällt auf Anhieb keine andere Formation ein, die so etwas macht.
Oh, gut! (lacht). Das paßt zu mir, die Erste zu sein.
(beide lachen) Wir seid Ihr darauf gekommen?
Also das war meine Idee. Ich tanze gern zigeunerische Tänze. Irgendwann hat mir das dann nicht mehr gereicht, und ich habe mir gesagt, da fehlt noch etwas, da müßte noch was drauf. Ich habe mir mein Zigeunerinnenkostüm betrachtet, und irgendwann ist mir der Geistesblitz gekommen, das sieht nach "„Cabaret"“aus, nach "Can Can"“und so weiter. Dazu kamen dann ein Hut, Federn und diese Puffärmelchen, Stulpen, die Schuhe und alles Mögliche. In Schuhen zu tanzen, war eine ganz neue Erfahrung, weil ich sonst immer barfuß tanze. Dann habe ich sehr lange nach der richtigen Musik gesucht. Ich habe dreimal meine Musikauswahl komplett geändert und jede Musik komplett durchgetanzt, bis ich sie fest im Kopf hatte, und dann mußte ich mir immer sagen, nee, das war es noch nicht, und das war es auch noch nicht.
Erst beim dritten Mal bin ich auf Liza Minelli gestoßen. Ich mag sie und ihre Art sehr, so lässig und voller Gefühl, alles bei ihr kommt aus der Tiefe des Herzens. Und da habe ich mir gedacht, das paßt zu mir. Ihr flippiger Tanz mit dem Stuhl und so weiter. Komischerweise habe ich mir ihre ganze Chroeographie und wie sie sich sonst noch bewegt, nicht so sehr eingeprägt. Als ich dann meinen Tanz fertig hatte, hat meine Kollegin Mandana gesagt, laß uns doch mal in „You Tube“ nachschauen, wie sie das macht. Und das war ganz komisch: So wie ich mit dem einen Bein auf dem Stuhl stehe, steht Liza auch da, das konnte nicht alles bloß Zufall sein. Und seitdem bin ich noch mehr davon überzeugt, so zu sein wie sie. Ich bin sowieso immer so verrückt wie sie. Ich wollte das, was ich spüre, diese Energie, was ich fühle, einfach herauslassen. Alle dürfen davon mitnehmen, ich teile mit den Zuschauern. Als ich auf die Bühne gekommen bin, habe ich mich gefreut und gesagt, hier ist mein Platz, und ich tue jetzt das, was ich tun will. Allerdings muß ich hier sagen, daß ich dafür keine Choreographie gehabt habe. Ich konnte keine Choreographie nehmen, denn das hätte nicht zu mir und der Nummer gepaßt, das wäre wie ein Puppentanz gewesen. Ich habe mir gedacht, ich komme raus und dann mal gucken. Dann muß ich einfach die Musik hören, spüren und leben, und dann schauen wir mal, was dabei herumkommt. Es wird schon etwas passieren, und es ist ja auch etwas dabei herumgekommen.
Die Nummer hat aber nicht mehr viel mit Orienttanz zu tun, oder?
Nein, so direkt nicht. Ich habe ein paar Tribal-Kombis mit reingenommen, zum Beispiel diese Hüftschwenkung, die ich sehr liebe. Ich habe mir auch einen schönen und dazu passenden Gürtel umgebunden; aber ich habe doch „Cabaret“ mit „Tribal“ getanzt, und das hat ja auch gepaßt. Aber der Kern des Ganzen bleibt „Cabaret“ oder besser“Tribalet“.
War das ein einmaliger Versuch, oder willst du auf diesem Gebiet weitermachen?
Ja, ich würde sehr gern noch mehr solcher Versuche machen, „Charleston“ zum Beispiel, das natürlich in einem ganz anderen Kostüm. Die Kostüme entwerfe ich übrigens selbst, und ich werde jetzt wieder was Neues nähen. Mein Kopf ist wie eine Warteschleife, die Ideen kommen und wollen verarbeitet werden. Ich möchte gern auf dieser Schiene weiter arbeiten.
Hast du außer Liza Minelli noch weitere Vorbilder, aus denen heraus sich ein Tanzstück entwickeln ließe?
Von „Pussycat Dolls“ würde ich sehr gern etwas nehmen, „Christina Aguilera“ hat sehr schöne „Cabaret“-Stücke getanzt. Dann auch ältere wie zum Beispiel Marlene Dietrich in „Der Blaue Engel“ und ich hätte furchtbar gern ein französisches Lied dabei. Ich finde, die französischen Sängerinnen passen zu mir, zu meinem Innern, wie ich fühle, wie energiegeladen ich bin.
Ich mache allerdings auch andere Sachen, etwas ruhiger und mystischer. Wir tanzen so etwas in der Gruppe, aber wir tanzen auch solo, und das will ich mir nicht nehmen lassen.
Wollt Ihr denn auch einmal als Duo ein „Cabaret“-Stück vorführen?
Das muß ich mit Mandana besprechen, was sie dazu meint, weil dazu sehr viel Selbstbewußtsein gehört, oder besser gesagt, man muß sehr viel von sich preisgeben. Ich muß sie fragen, ob sie damit einverstanden ist. Zum Beispiel habe ich gestern kurz vor meinem Auftritt eine Unterhose genäht, mit Rüschen, weil ich der Meinung war, wenn ich schon Can Can tanze, muß ich auch den Rock hochheben, und da muß ich dann auch eine Rüschenhose drunter tragen. Das ist nicht jederfraus Sache. Beim Cabaret ist viel Bein zu sehen, und da tanzt man überhaupt sehr frei, aber das macht mir nichts aus. Genau wie beim Zigeunertanz, da wird der Rock auch gewirbelt. Da stören Hemmungen nur, die man vielleicht im Kopf sitzen hat. Da muß man frei tanzen, wie in der Natur, wievauf dem Rasen.
Was macht Ihr als Gruppe denn schwerpunktmäßig?
Wir machen Fusion, Elektro, Tribal, auch orientalischen Raks Sharki, normale orientalische Tänze, Fantasy, Folklore, zum Beispiel aus der (rumänischen) Bukowina, da haben wir eine sehr schöne Nummer, die wir Ende Juni zum ersten Mal vorgestellt haben, die ist mit der slowenischen oder bulgarischen Folklore verwandt. Da gibt es auch schöne Röcke, wir tanzen in Stiefeln und da geht es auch wild zu. Und von der osteuropäischen Kultur ist es dann ja nicht mehr weit zur Zigeunermusik. Die tanze ich ja besonders gern, und dann darf man auch den Schwertertanz nicht vergessen.
Du stammst aber nicht vom Balkan, oder?
Nein, ich bin gebürtige Armenierin, aber jetzt bin ich Deutsche, und ich bin stolz auf meine Herkunft (lacht). Armenische Folklore planen wir auch, das ist ein weiteres Projekt von mir, so etwas mal in Tribal-Richtung zu bearbeiten. Ich habe eine sehr schöne Musik gefunden. Sie stammt aus einer bekannten Oper, und das Stück fängt auch wie Opernmusik an, die sich dann aber mit einem Mal ändert hin zu richtig heavy Tribal. Bei dem Stück möchte meine Kollegin mittanzen. Das kann man auch sehr schön als Duo bringen.
Hast Du armenische Folklore-Kostüme?
Nein, aber die sind nicht schwer zu entwerfen und zu schneidern. Als Kind habe ich in einer Folklore-Gruppe getanzt, deswegen weiß ich ziemlich gut, wie die aussehen. Da ist man ziemlich eingepackt (lacht). Ich habe gerade im Opernhaus ein Praktikum, wo ich orientalische Kleider nähe. Ich nähe also auf der Arbeit, und wenn ich nach Hause komme, nähe ich auch schon wieder (lacht). Dazu noch Auftritte, Familie und Kinder, da muß ich ständig gucken, wie ich das alles einrichten kann. Unsere Termine kann man bald auf unserer Homepage nachlesen, aber die ist noch nicht ganz fertig – meine Kollegin Mandana ist sehr pfiffig in allem, was mit Computern zu tun hat, sie wird das bald geregelt haben.
- Marcel Bieger ist Redakteur beim „Oriental Cosmos“
| TRIBAL FUSION PROTOKOLLE, Teil 3 | |
Marcel Bieger im Gespräch mit Henneth Annun und Svahara Aicanar vom Duo „Swara Armunn“
In den beiden vorangegangen Teilen sind wir in die Welt des Tribal Fusion eingetaucht, der mittlerweile – im Herbst des Jahres 2008 – auf allen Tanz-Veranstaltungen von der Schülerinnen-Show bis zur Gala seinen festen Platz gefunden hat. Kein Tanzfest mehr ohne wenigstens einen Fusion-Beitrag. Der „klassische“ Tribal ist an einigen Stellen sogar dahinter zurückgefallen. Neue Elemente sind hinzugekommen, in diesem Jahr sind da vor allem Dark/Gothic Bellydance oder Fantasy zu nennen, die ja beide nicht sooo weit auseinanderliegen und sich höchstens in der Qualität der Darbietung unterscheiden. Wir hatten 2008 innerhalb eines halben Jahres Besuch von drei der führenden US-Dark/Gothic Bellydance Stars, Ariellah, Sashi und Tempest, was es so vorher auch noch nie gegeben hat und vielleicht als Einzelaspekt stellvertretend für die gesamte Bedeutung des Fusion stehen mag. Im vorerst abschließenden dritten Teil unserer Tribal-Fusion-Protokolle sollen weitere Fragen wenn schon nicht geklärt, so doch diskutiert werden. Einige Aspekte müssen offenbleiben, und darüber tröstet uns nur die Aussicht darauf hinweg, daß weitere Gesprächsrunden folgen werden. Annun und Svahara dankt der „Oriental Cosmos“ auf jeden Fall ganz herzlich, für uns soviel Zeit und Geduld aufgebracht zu haben. Wir wünschen den beiden, daß alle ihre Wünsche in Erfüllung gehen, und das ist gewiß keine Höflichkeitsfloskel.(Das Gespräch wurde Anfang des Jahres geführt.)
Wie erlebt Ihr denn klassischen Tribal?
Diejenigen, die wie ich das Modernere oder Fantasy lieben, gähnen vielleicht schonmal bei einer klassischen Vorstellung von fünfzehn Minuten und denken, hm-hm, reicht aber langsam, und ein anderer ist vielleicht der Ansicht, ach, immer dieses ganze Fusion- und Fantasy-Gehopse, ich möchte jetzt mal nen richtigen Bauchtanz sehen. Deswegen würde ich mich freuen, wenn es jetzt endlich einmal eine Show nur mit der Fusion-Linie gäbe. Mit den Künstlerinnen, die wir zur Zeit haben, könnte man eine tolle Veranstaltung hinzaubern.
Es gibt zwar noch nicht allzu viele von uns, aber für eine Show reicht es allemal! Allein Swaara Armun hat ja schon mehrere Stücke am Start, und im ganzen Jahr sind weitere hinzugekommen! Wir sind zwar bei „You Tube“ mit sechs Videos vertreten, aber so richtig gut gelungen sind uns nur zwei Stücke, das „Telta snake“, das wir auf Apsara Habibas Weihnachtsfeier aufgeführt haben (s. OC 4.1.8). Dann haben wir ein Stück in Arbeit, in dem wir etwas Parodistisches versuchen. Manche werden vielleicht sagen, was hat das denn noch mit Fusion zu tun, aber uns macht es ganz einfach Spaß. Innerhalb der Form Fusion in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Mit Fransengürtel und Münzen behangenem BH aufzutreten, schön und gut, aber das will ich nicht mein Leben lang machen. Ich finde es auch ganz spannend, mal im Pettycoat auf die Bühne zu gehen. Solche Abwechslung bringt eine Menge Spaß, und die Leute bekommen bei uns einiges zu gucken. Damit hätten wir ein hübsches Trio von Stücken beisammen. Das eher mystische „Teltasnake“, das kriegerische mit Dolch und Schwert, von dem wir vorhin erzählt haben, und das Divenhafte, Parodistische. Vielleicht könnten wir irgendwann einen ganzen Abend bestreiten, aber es ist schon besser, mit anderen Gruppen im Wechsel aufzutreten, weil man sich zwischendurch ja immer wieder umziehen muß.
Aber es wäre schon klasse, wenn es jemanden in Deutschland gäbe, der das alles zentral anpacken und sagen würde: So, jetzt gucke ich mal, was alles in Deutschland an Fusion herumrennt. Der dann alle anschreibt und ihnen sagt, ich will ein ganz großes Event-Wochenende aufziehen, wo jeder, was weiß ich, zwei Stück aufführen kann. Und hinterher gibt’s eine coole Party, auf der sich alle diese kreativen Frauen kennenlernen und befruchten können. Und eine DVD müßte es davon natürlich auch geben – damit alle, die nicht kommen konnten, hinterher sehen können, wie wunderbar das gewesen ist.
Eine solche Veranstaltung kann gar nicht anders, als erfrischend neu und bunt zu sein. Viele werden ihre Freude daran haben, denn der klassische Bauchtanz, kann ja schonmal etwas eindimensional wirken. Es sei denn, man wechselt die Accessoires, Schwerttanz usw., aber auch dann bleibt sich alles doch immer ziemlich ähnlich. Beim Tribal ist es leider so passiert, deswegen haben ja auch immer mehr Frauen Ausflüge in andere Richtungen unternommen, wie Afrika, Feen oder Meerjungfrauen. Tribal bietet einem leider eine sehr schmale Ausdrucksbandbreite. Deswegen finde ich ja gerade den Fusion so unglaublich gewinnend fürs Publikum, weil er es sich erlauben kann, sich überall befruchten zu lassen. So können aus ihm große Kunstwerke entstehen.
Wie damals bei Apsara Habibas „Tanz des Mondes“ (Fortsetzung wahrscheinlich 2009, Anm.d.Red.) Da hat sie sich vollkommen frei gemacht von den Parametern des klassischen Bauchtanzes in puncto Ort, Umgebungen, Atmosphären usw. Sie hat ihre Darbietung in mystische Räume gesetzt und hat praktisch die Kostüme, die Idee dahinter, die Geschichte in den Vordergrund gestellt und den orientalischen Tanz als Mittel zum Zweck genutzt. Damit hat Apsara eine ganz neue Tanzform geschaffen. Nicht wie üblich hat da jemand eine Viertelstunde lang Schimmies aneinandergeklebt, sondern eine zusammenhängende Geschichte erzählt. Und das hat mich so sehr berührt, wie keine Show zuvor. Wenn man immer nur allein gute Technik sieht, denkt man spätestens bei der dritten Tänzerin, puh, ja, toll, aber jetzt wird’s ein bißchen lang. Wenn man aber anfängt, Geschichte und Atmosphäre zu verändern, wird es wieder kurzweilig.
„Tanz des Mondes“ sollte sich jeder einmal ansehen. Du sitzt da und denkst, ach endlich, Musik, die unter die Haut geht, und Bilder, die an alte mystische Geschichten erinnern, aus den Wurzeln, aus den alten Tagen unserer Welt. Das packt einen, ergreift einen. Und wenn dann auch noch gute Tänzerinnen auftreten, die das hervorragend umsetzen können, dann wird daraus schnell ein unvergeßliches Erlebnis. Das hatte in dem Moment auch nichts mehr mit Fusion zu tun. Da beschäftige ich mich nicht mehr so sehr mit Technik und Stil, sondern da lasse ich mich ganz von der Story gefangennehmen. In einer guten Geschichte werden alte mystische Archetypen dargestellt, da geht es um die Elemente, die vier Himmelsrichtungen, und spirituelle Themenkreise. Keltentum ist natürlich auch mit drin. Eine klassische Story mit Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Licht und Schatten.
Ich fände es groártig, mal an so einem keltischen Mysterienspiel – wenn es so etwas denn gibt – teilnehmen zu dürfen. Aber auch bei so einem Auftritt zu singen oder zu trommeln. Das sind ja auch künstlerische Ausdrucksformen. Wir sind zwar Tänzerinnen, aber wir können doch auch trommeln und singen. Deswegen schwebt es mir vor, daß man sich bei einem Auftritt gegenseitig unterstützt, daß man da etwas mit Tanz, Gesang und Trommeln zusammenstellt, bei dem wir alle alles selber machen. Das würde bestimmt auch beim Publikum gut ankommen.
Das finde ich auch, wichtig ist für mich, ganzheitlich zu arbeiten, auf mehreren Kanälen gleichzeitig. Über Stimme, über Körper, über den Klang von Instrumenten – dann wird die Sache richtig rund, dann wird es richtig magisch. Das fehlt mir oft bei Darbietungen. Da kommt die Musik vom Band, und auf der wird ein paar Minuten lang abgehoppelt. Das ist mir zu retortenmäßig. Wenn eine klassische Orienttänzerin auftritt, müßte immer eine Live-Band dabeisein. Nur Live-Musik kann einen Auftritt wirklich durchdringen. Ich habe so etwas schon gesehen und gehört, und das ist dann so ergreifend gewesen, daß mir die Tränen in den Augen gestanden haben. Da ist mir klar geworden, das ist eigentlich das, wonach man sucht. Nach Wahrhaftigkeit, nach Tiefe, nach Anrührung – man möchte ja auch als Zuschauer angerührt werden. Ich bin ja oft auch Zuschauer, und ich möchte nicht nur Retorte vorgesetzt bekommen. Dann hätte ich auch zuhause bleiben und mir einen Film anschauen können, der wäre wahrscheinlich tiefer gegangen.
Es gibt Trommler, die bringen ihre Instrumente nicht nur zum Klingen, sondern richtig zum Singen. Deren Vibrationen und Schwingungen kann man wirklich körperlich fühlen. Wenn ich dazu dann noch die Tänzerin im Einklang tanzen sehe, packt mich der Wunsch, mich mit ihr zu bewegen, zu drehen, in dieser Energiewelle mitzuschweben, um etwas zum Erwachen zu bringen. Wenn man also Musiker dabei hat und selbst tanzt, dann wirft man alle Energien in einen Topf und läßt daraus etwas Großes entstehen. Wir hegen ja die Hoffnung, mit unserer Kunst die Menschen zu berühren, ganz tief zu berühren, in ihren Herzen.
Eigentlich ist eine Tänzerin ja auch das Gefäß der Musik. Nur so funktioniert es. Wenn ich das mit wirklicher Hingabe verbinde, kann ich fast so weit gehen zu sagen, eine Tänzerin ist die Priesterin der Musik. Die Musik wird erst in dem Moment zu etwas göttlich Inspiriertem, in dem es auf der Bühne geschieht. Mit Musik vom Band ist das unmöglich. Wenn der Live-Musiker von dem ergriffen ist, was die Tänzerin als Gefäß gerade macht, und sich auch von der Stimmung im Publikum beeinflussen läßt. Ich glaube, deshalb sind Live-Konzerte auch so unverwechselbar. Jeder kennt das bestimmt von seiner Lieblings-Band. Das ist da, wo die Energie passiert, in dem Moment mit dem Publikum zusammen. Denn das Publikum sitzt mit drin, ist an dem Prozeß beteiligt, und das ist es gerade, was die Sache für mich so dicht macht. Die Tänzerin besorgt mit ihren Bewegungen das Visuelle, und wenn sie dazu auch noch sänge oder trommelte, würde sie ihre Energie um die Akkustik erweitern und ihr so noch mehr Tiefe geben. Und wenn ich den Faden noch weiter spinnen sollte, würde es mir sicher auch noch einfallen, irgendwelche Duftstoffe zu versprühen, um auch die olefaktorischen Sinne mit einzubeziehen. Oder wie ich es neulich gesehen habe, da haben sie Blätter regnen und es schneien lassen, da ging es dann auch noch ins taktile, ganz großartig. Da kommen die Menschen mit hinein in eine Geschichte, da läßt man sie nicht außen vor mit der Überlegung, will ich da nun einsteigen, oder nicht?
Das kostet natürlich alles viel Geld, so wie immer, wenn man Bilder im Kopf hat, die man umsetzen will. Es hilft aber auch, wenn man gewisse Verbindungen hat.
Ich arbeite in der Teestube eines Jugendzentrums, und da gibt es Bühne und Licht und so weiter. Es ist alles da, und dort haben wir dann auch unser erstes Video gedreht. Wir haben Träume von ganz dichten, künstlerischen Momenten, und da soll die Reise auch hingehen, zu neuen Horizonten. Es gibt so ewige Momente, wo es keine Rolle mehr spielt, wo du morgen hingehst, was du zu arbeiten hast oder wo du gestern warst, sondern nur noch, daß du da sitzt und schwelgst und hin und weg bist. Solche glorreichen Momente selbst zu erzeugen und zu verschenken, da streben wir hin.
Warum habt Ihr keine Band, die Euch begleitet?
Weil wir bislang so spezielle Dinge vorgeführt haben, daß es da schon besonders geschulter Musiker bedürfte, und die findet man nicht an jeder Ecke. Ich habe bei mir im Jugenzentrum eine kleine Band aus Jugendlichen, aber die spielen halt nur ihre Musik, und die stellt nur einen Ausschnitt dessen dar, was wir tanzen wollen. Mit dieser Kapelle könnten wir immer nur dasselbe tanzen. Bei dem einen Stück geht es zum Beispiel auch etwas in Richtung „Charleston“ - einem populären Modetanz der 20er Jahre –, das kann die Band nicht. Oder bei dem Stück mit den Schwertern und Dolchen. Das beginnt wie ein klassischer Tribal und endet als Fusion. Ich fürchte, es wäre überhaupt sehr schwer, eine Musikgruppe zu finden, die das alles beherrscht.
Obwohl, bei uns im Jugendzentrum haben wir einige Rapper, und die beherrschen Beat-Box. Neulich habe ich daneben gestanden und angefangen, Fusion zu tanzen und mir gedacht, Donnerwetter, das geht ja supergut dazu. Wir wollen ja auch mal einen Tango-Fusion entwickeln, haben bis jetzt aber noch keine geeignete Musik dazu gefunden, nur ein paar sehr schöne Tango-Stücke. Und an dem Tag im Jugendzentrum kam mir die Idee, wir bitten einen Rapper, zu dem Tango zu beatboxen, das stelle ich mir phantastisch vor, auch bei einem Live-Auftritt.
Oder mit einer ganzen Gruppe von Leuten, die dieses Beat-boxen beherrschen, die in einer bestimmten Abfolge ihre „Geräusche“ machen, und die Tänzer choreographieren dazu was. Oder gleich eine Freestyle-Geschichte, daß man mit diesen Rappern intensiven Blickkontakt erhält und dann mal schaut, was draus wird: Wenn ich mich so oder so bewege, macht er dann ein anderes Geräusch, oder umgekehrt? So etwas mal auszuprobieren, stelle ich mir echt spannend vor.
Richtige Profi-Musiker wären zu teuer, nicht wahr?
Die würden sich auch mit Leuten wie uns nicht abgeben, die nur in ihrer Freizeit irgendwie künsterlerisch tätig werden. Manchmal ergeben sich aber auch durch Zufall Kontakte, und wenn sich dann gemeinsame Inspirationen ergeben. Ich bin da sehr optimistisch, und schließlich stehen wir ja noch am Anfang. Wir tanzen zwar schon eine Weile zusammen, aber Fusion betreiben wir erst seit einem Jahr. Dafür haben wir eigentlich schon eine Menge erreicht, und wenn man bedenkt, wie viele Freunde und Kontakte wir schon in der Szene gewonnen haben. Wer weiß, was noch alles passiert. Irgendwo wird schon jemand ein neues Projekt aufmachen und sagen, kommt ihr zwei doch dazu. Die Inspiration muß einfach erst einmal eine Weile gären, und dann werden die Zutaten für diesen Kuchen zusammengestellt. Ich glaube einfach ganz fest daran. Man trifft sich ja untereinander immer wieder, und so kann der Reifungsprozeß stetig gedeihen.
- Marcel Bieger ist Redakteur des „Oriental-Cosmos“.
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