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7. Tribal

 

 1.GOTHIKA MODEMESSE IN DUISBURG Ende April 2008

 

 1.GOTHIKA MODEMESSE IN DUISBURG Ende April 2008  von Marcel Bieger  
 



Gothics laufen gemeinhin in Schwarz herum und verachten bürgerliche Zwänge. Wozu also für solche Menschen eine eigene Modemesse mit Modenschau und Bühnenprogramm? Ist das nicht geradezu ein Widerspruch in sich?
Nun zunächst einmal sind gut 1000 ganz stilecht in schwarzem Rock oder schwarzer Kutte im „Pulp“, einem Großraum-Club in Duisburg, zusammengekommen, um sich das einmal anzutun, und sind auch geblieben. Das „Pulp“ nennt sich selbst Event-Schloß, und „Tanzen“ (warum kein Denglisch?) kann man hier auf drei „Areas“, nämlich „Grotte“, „Mitte“ und „Rittersaal“ (sic!) Nun bietet sich die „Grotte“ für Gothic-Veranstaltungen wie von selbst an, scheint hier doch die sagenhafte „Bat Cave“ in London Modell gestanden zu haben, in den 80er Jahren der Geburtsort dessen, woraus sich Jahre später die Gothic Bewegung entwickelt hat.
Und dort spielte sich dann auch folgerichtig das Programm ab. Auf einem Laufsteg, dicht umlagert von Photographen (und nicht nur Sensationsknipser, wie sie leider heute überall stören), ging es Schlag auf Schlag durchs Programm - na gut, mit einigen Pausen, Korsagen zu schnüren dauert manchmal etwas länger – auf Tanzeinlage folgt Modenschau, und auf die Tanzeinlage. Letztere bestritten zum einen „the inDUstrials“ (das hervorgehobene „DU“ steht für das Autokennzeichen von Duisburg), eine vierköpfige Clique (3 Jungs, 1 Mädel) von Disco-Tänzern, die hier zum ersten Mal öffentlich und vor Publikum auftrat. Mit ihrer Darbierung, einem sehr energetischen Abtanzen zu Musik zwischen Drum & Bass und vor allem „Industrial“ (ja, wie im Namen), einer Spielart der Gothic Musik, verstehen sie durchaus zu unterhalten. Ob mehr draus wird, bleibt abzuwarten. Die vier zieren sich noch, zumindest treten sie aber bei der Gothika Essen auf, und dazu sei ihnen auch geraten. Ihre Choreographie ist gut, das Programm ausbaufähig.
Höhepunkt waren aber die deutschen „Gothic“-Vorzeige-Tänzerinnen von „Penthesilea“, einer vierköpfigen Tribal-Formation, die von sich selbst sagt, sie stamme aus der schwärzesten Ecke des Ruhrgebietes (also gleich nebenan). Penthesilea tritt hier zu viert auf den Laufsteg, ein seltener Anblick, sieht man sie doch sonst eher als Trio.
Die Gruppe kommt aus dem Tribal, und das merkt man ihr auch noch an. Viele Bewegungen und Bewegungsfolgen rühren daher, und die Mädels rühmen sich, immer noch zu improvisieren, statt nur zu choreographieren. Gleichwohl sind sie natürlich ein gutes Stück dem Tribal entwachsen und haben sich längst den Fusion erarbeitet und sich der Verquickung von Gothic Bellydance, Gothic-Einstellung und moderner Tanzmusik verschrieben. Natürlich führen sie ihr Paradestück vor „Greater than the Sun“ von „Covenant“. Und das nicht von ungefähr, die Kultkapelle des Gothic tritt im Anschluß an die „Gothika“ in der „Grotte“ auf und zieht nochmal etliche hundert „Schwarze“ zusätzlich an. Aber zurück zu den vier Tänzerinnen: Die eher weichen Bewegungen des Tribal werden von Penthesilea etwas eckiger und abhackter ausgelegt, passend zur härteren Gangart der Musik. Später tritt Arzo, die „Mutter“ dieses Tribes (ja, auch diese Tradition wurde bewahrt), zum Solo an und führt ein Gesamtkunstwerk (ihr Körper mit gewagten Tatauierungen und Mammutknochen verziert) aus mal sinnlich in sich versunkenen, mal emotional geladenen Ausdrucksbewegungen vor. Ein überaus gelungener Auftritt auf einer nicht alltäglichen Schau. Die Models, allesamt – laut Veranstalter – aus der Gothic-Szene stammend (also keine Profis aus der internationalen Mannequin-Welt) leisten ordentliche Arbeit und führen cool, lässig und wie selbstverständlich Gewänder, Kostüme und Gewagtes vor. Gothics sind dafür bekannt oder berüchtigt, allerlei Moderichtungen und –Stile miteinander zu mischen, auch solche, die dem „Normalbürger“ als unvereinbar erscheinen mögen. So bestaunen wir denn hier Rokoko-Kostüme, viel Rüschen, viel Korsagen und auch sonst etliches aus dem Bereich der „Galanterie“-Waren, wie man im 19. Jahrhundert noch zu sagen pflegte. Und das 19. Jahrhundert ist ja zumindest Pate der ganzen Bewegung, nicht von ungefähr heißt eine damalige literarische Stilrichtung „Gothic“. Doch nicht nur Damen aus den Salons gibt es zu bewundern, auch Vampirinnen und Mädels mit Straps und Uniformjacken des 20. Jahrhunderts. Dabei steht nicht unbedingt kokettes Gebaren im Vordergrund, „Goth Girls“ wollen schocken und den Spießer mit seiner eigenen Moral an der Nase herumführen. Oder derber ausgedrückt: Wer sich an so etwas aufgeilen will, hat schon verloren. Selbst dann, wenn in der letzten Abteilung einige der Mädels oben ohne auftreten. Wer mehr wissen möchte, wende sich an Schwarzmarkt Events (www.gothika-messe.de)

Gespräch mit Lars Fieker von Schwarzmarkt Events:
Was habt Ihr hier heute gemacht?
Wir haben heute etwas gemacht, was es vorher noch nicht gab, nämlich eine Messe oder Moden-Schau organisiert, wie sie bei uns noch fehlt. Wir haben Mode im Schwarzen Bereich vorgestellt und die auch stilecht von Models aus der Schwarzen Szene vorführen lassen. So etwas war bis dato noch nicht vorhanden, das war hier heute die Feuertaufe. Und über das Ergebnis sind wir glücklich.
Ich schätze, es sind ungefähr 1000 Leute gekommen.
Das dürfte hinkommen, aber ich habe etwas den Überblick verloren. Doch können wir das später anhand des Kartenverkaufs feststellen. Aber das Haus war voll, war richtig gut voll. Wir haben deutschlandweit für die Veranstaltung Reklame gemacht, im Internet natürlich, und über diverse Verteiler. Die Mode-Designer ihrerseits haben die Werbetrommel gerührt, und die Models selbst haben auch in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis Mundpropaganda betrieben. So weit wir wissen, ist es bis nach Berlin und nach Bayern bekannt geworden, daß so etwas hier stattfindet. Inwieweit die Schwarzen nun in Massen von dort gekommen sind, ist uns noch nicht bekannt (lacht).
Wenn etwas so erfolgreich startet, sollte sicher auch öfters so etwas stattfinden, oder?
Ja, es sollte eine gewisse Regelmäßigkeit hineinkommen. Wir wissen nur nicht, ob es – allein schon wegen der Größe – das nächste Mal wieder hier geht, du siehst ja selbst, daß wir hier aus allen Nähten platzen. Spätestens für das nächste Jahr ist die zweite Gothika geplant, aber wo genau, können wir jetzt noch nicht sagen. Wir prüfen das aber schon in den nächsten Tagen.
Als Orienttanz-Magazin muß ich natürlich fragen, wie Ihr an eine Tanzgruppe wie „Penthesilea“ geraten seid?
Die sind an uns geraten (lacht). Das hat sich so über Kontakte ergeben. Der eine kennt den, der andere diesen, und für die Penthesileas, die ja aus dem Ruhrgebiet stammen, war es ideal, sozusagen vor der Haustür aufzutreten. Wir sind auch sehr froh über den Auftritt, er hat unsere Schau sicher bereichert.
Musik und Tanz sollen also ein fester Bestandteil der Gothika werden?
Das kommt auf den Bedarf an und wie die Moden-Schau sich weiterentwickelt. Kann aber gut sein, daß wir den Musik- und Tanz-Anteil noch ausbauen. Aber wie gesagt, wir müssen das erst noch alles auswerten.
Nun waren heute sicher ein Dutzend oder mehr Modefirmen vor Ort.
Ja, auch damit können wir sehr zufrieden sein. Die Models sind hier vor Ort eingekleidet worden, und manchmal hat es eben ein Weilchen gedauert, bis das eine oder andere Stück angepaßt war. Am Ende ist ja dann doch noch alles gut gegangen (lacht).
Wie lange gibt es Schwarzmarkt Events schon, und was macht Ihr?
Wir haben uns vor einem halben Jahr gegründet, um genau das hier – nämlich die Gothic Modenschau Gothika – machen zu können. Und natürlich wollen wir noch weitere derartige Veranstaltungen durchziehen.

Anmerkung zum Schluß: Schwarzmarkt Events besteht aus den Brüdern Lars und Thorsten Fieker und Sylvia Fiedler. – Auf der Homepage wird für den Sommer 2009 die nächste „Gothika“ angekündigt.

- Marcel Bieger ist Redakteur des „Oriental Cosmos“.

 


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