oriental-cosmos v.1.0 / 11.07 |
||
|
impressum
::
|
||
| LINKWEG ::: inhalt / meinungen / Interview | ||
6. Meinungen
6.1. Interview
6.1.1
Andre Elbing
6.1.2
USBEKISCHEN TÄNZERIN SCHACHLO
| Andre Elbing(01.09.2007) | |
| USBEKISCHEN TÄNZERIN SCHACHLO von Sylvia Sophia und Marcel Bieger | |
INTERVIEW MIT DER USBEKISCHEN TÄNZERIN SCHACHLO
- von Sylvia Sophia und Marcel Bieger
Erzählen Sie uns bitte etwas von der Ausbildung, die Sie in Ihrer Heimat genossen haben, vor allem die staatliche. Hat es darüber hinaus von Ihrer Seite eigene Bemühungen gegeben, sich tänzerisch oder musikalisch weiterzubilden – und sind auch diese Unternehmungen von staatlicher Seite unterstützt oder gefördert worden?
Geboren wurde ich in Archangelsk in Russland. Ich wuchs aber seit meinem ersten Lebensjahr in Usbekistan auf, da mein Vater als Ingenieur beim Wiederaufbau des durch ein Erdbeben verwüsteten Landes Usbekistan geholfen hat. Ich bin über das Ballett zum orientalischen Tanz gekommen. Schon als ganz kleines Kind wollte ich Balletttänzerin werden. Und ich habe ganz früh zu tanzen angefangen. Tanzen war mein Traum und ich habe stundenlang zuhause allein vor dem Spiegel geübt. Meine Mutter hat mich dann zweimal in der Woche zum kostenlosen Ballettunterricht in einem staatlichen Pionierhaus gebracht. Hier und heute würde man das wohl ein „Bürgerhaus“ nennen.
Erst im Alter von 13 Jahren schaffte ich die schwierige Aufnahmeprüfung an einer professionellen Ballettschule in Usbekistan. Dies ist eine ganz besondere Schule, die nur die begabtesten Mädchen aufnimmt und hohe Anforderungen stellt. An der Schule gab es sehr strenge Regeln und Disziplin in allen Bereichen: Bekleidungsvorschriften, sorgsamer Umgang mit Schulmaterial und Trainingsbekleidung, die Haare durften nicht offen getragen werden, Schminken und Schmuck waren nicht erlaubt, beim Tanzunterricht wurde kaum gelobt, sondern Fehler streng kritisiert, Gewichtzunahme führte zum Schulverweis, und so weiter. In diesem Tanzinternat lernte ich bis zum Alter von 18 Jahren. Ich hatte großes Glück mit meiner usbekischen Tanzlehrerin Rachmatulajewa Sulejcha, einer Tanzpädagogin mit verschiedenen orientalischen Tänzen. Fünf Jahre lang lernte ich bei ihr, und zwar drei mal zwei Stunden pro Woche orientalischen Tanz. Ich bin ihr sehr dankbar, daß sie mir diese Liebe zum orientalischen Tanz gegeben hat.
Ich schloß meine fünfjährige Ausbildung zur Diplom-Tänzerin und Choreographin an der staatlichen Hochschule für Choreographie in Taschkent/Usbekistan ab. Zur öffentlichen Abschlußprüfung kommen aus ganz Usbekistan die Choreographen der Ensembles und verschiedenen Theater und suchen sich die besten Tänzerinnen aus. Ich bekam ein Engagement bei einem der größten usbekischen Folklore-Ensembles, mit Namen „Lazgy“, an der staatlichen Philharmonie Taschkent. Dort mußte ich zuerst das ganze Tanzensembleprogramm lernen und habe dann nach fünf Jahren mein erstes Solo getanzt, ich war Solotänzerin geworden und blieb es die letzten fünf Jahre in dieser Gruppe.
Auf zahlreichen Tourneen durch Europa, Afrika und Asien habe ich viele Eindrücke gewonnen und viele Erfahrungen sammeln können. Die Gastspielreisen führten nach Äthiopien, Marokko, DDR, Japan, Island, BRD, Jordanien, Malaysia, Frankreich, Türkei, Griechenland, Holland. Ich habe in dieser Zeit viel von der Welt gesehen. Parallel zur Ensemblearbeit habe ich mit einer berühmten Sängerin, Yulduz Usmonova, in Usbekistan zusammengearbeitet. Und wir waren 1993 auf Tournee, auch in Deutschland, unter anderem waren wir zur „Breminale“ nach Bremen eingeladen worden. Seit 1994 lebe und arbeite ich in Bremen und habe eine dreizehnjährige Tochter.
Ich trete als Bühnentänzerin auf, arbeite als Choreographin und unterrichte Tänzerinnen in Workshops und in meinen Kursen. Die Weiterentwicklung meines Tanzstils ist nur durch viel Erfahrung möglich gewesen und dauerte bei mir viele Jahre. Mimik und Gestik sind nicht von Anfang an da gewesen, sondern unterliegen einem Reifeprozess, der auch bei mir noch nicht abgeschlossen ist.
Wie haben Sie als Russin Ihre Vorliebe für die mittelasiatische Kultur entdeckt und sind ihr treu geblieben? Wie ist diese Kultur in Ihnen gewachsen, und treten Sie heute bewusst und gern als Kulturbotschafterin auf?
Mein Leben ist multikulturell geprägt. Genetisch gesehen bin ich zwar russisch, aber da ich seit meinem ersten Lebensjahr in Usbekistan aufgewachsen bin, hat mich das Land und seine Kultur über viele Jahre sehr stark geprägt. Die Tänze der Seidenstraße haben mich von klein auf fasziniert und ich bin froh und dankbar, daß ich in Usbekistan eine professionelle Tanzausbildung bekommen habe.
Ich freue mich, daß es in Deutschland Frauen gibt, die diese Tanzstile bei mir lernen möchten. Natürlich zeige ich meine Tanzkunst auch gerne auf Tanzshows, um ein großes Publikum zu erreichen. Nichts würde mich mehr freuen, als ein „Boom“ und „Run“ auf die mittelasiatischen Tänze, ähnlich wie es der Tribal-Dance zurzeit erlebt.
Was hat Sie bewogen, Ihre Kunst vor allem in Deutschland zu zeigen, und warum möchten Sie dennoch eine Tournee in Ihrer alten Heimat starten?
Aus privaten und familiären Gründen bin ich nach Deutschland gekommen. Im Jahr 1994 habe ich meine Tochter Viktoria geboren. Nach einem Jahr Pause habe ich große Sehnsucht nach dem Tanzen bekommen, und wenn meine Tochter schlief, habe ich im Wohnzimmer getanzt. Ich hatte dann die Idee, meine Gefühle in einem Tanzstück auszudrücken. Und so kam es 1996 zur Premiere meines Tanztheater-Stückes „Heimweh“. Das bedeutete 1,5 Stunden Folklore nach traditioneller Musik. Ich war die alleinige Tänzerin, nebenbei liefen eine Diashow, Filme und Texte. Es kommt sehr selten vor, daß eine Tänzerin zeitlich so lange an einem Abend tanzt. Das war ausgesprochen anstrengend, ein richtiger Kraftakt.
Ich war dann ganz mutig und habe trotz meiner damals geringen Deutschkenntnisse angefangen, an der Volkshochschule Bremen Kurse zu geben. Ich erinnere mich noch genau an eine der ersten Tanzunterrichtsstunden. Ich war unerfahren und hatte noch keine Erfahrung mit Anfängerinnen, denn ich hatte bislang nur mit professionellen Tänzerinnen gearbeitet. Jedenfalls habe ich mit den Frauen so viele Tanzkombinationen geübt, daß mir im Verlauf des Kurses die Hälfte der Frauen weggelaufen ist. Mit der Zeit habe ich dann von anderen Tanzlehrerinnen die Methoden gelernt, von Anfängerinnen nicht gleich zuviel zu verlangen, sondern sie langsam an den orientalischen Tanz heranzuführen und den Spaß am Tanz zu bekommen und zu behalten.
Das war der Anfang, zweigleisig zu arbeiten, zum einen als Tanzlehrerin zu arbeiten und zum anderen zurück zur Bühne zu finden. Überall spürte ich, wie die Tanzkunst Menschen unterschiedlicher Nationen verbindet. Mein Traum war es darum immer, eine Tanzreise nach Usbekistan zu organisieren, um dort im „Ursprungsland“ mit tanzbegeisterten Frauen zu lehren und zu lernen.
Leider sind jedoch die Flugkosten in meine Heimat recht happig und die Temperaturen im Sommer für Nordeuropäer gewöhnungsbedürftig hoch. Diesen Plan habe ich deshalb bis heute noch nicht realisieren können.
Welche Rolle kann, und welche Rolle soll die mittelasiatische Folklore im Orienttanz spielen? Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?
Die mittelasiatischen Tänze gehören unbedingt zum Orienttanz dazu und nur der Laie denkt zuerst nur an „Bauchtanz“. Die Tänze der Seidenstraße haben schon ihren Stellenwert, nur gibt es außer mir ganz wenige bekannte Tänzerinnen, die diese Tanzstile beherrschen. Ich möchte an dieser Stelle Helene Eriksen, Havva und Sharazad nennen.
Die Tanztechnik ist schwierig zu erlernen und braucht Vorkenntnisse im orientalischen Tanz und Anstrengungsbereitschaft sowie Geduld. Für Anfängerinnen ist es nicht einfach und oft zu mühsam und zeitaufwendig. Ich habe die Hoffnung, daß gute Tänzerinnen die mittelasiatischen Tanzstile vermehrt in ihr Repertoire aufnehmen und auch auf der Bühne vor großem Publikum zeigen. So könnten diese Tänze bekannter und beliebt, also populär werden. Viele ausländische oder im Exil lebende Menschen möchten diese Tänze sehen und zeigen mir in Gesprächen ihre Anerkennung und ihr großes Interesse daran, zum Beispiel Perser bei ihrem Norooz-Fest.
Der orientalische Tanz hat sich in den letzten Jahrzehnten die Frauen der gesamten Welt erobert. Woran liegt deiner Meinung und Einschätzung nach die Faszination dieses Tanzes, dass keine Ende der Beliebtheit des orientalischen Tanzes abzusehen ist?
Mehrere Gründe: Ästhetische Tanzform, ganzheitlich, der ganze Körper und Mimik, schöne Musik, sehr weiblich und sinnlich, schöne Bekleidung, Improvisation möglich, auch für Anfängerinnen gibt es schnell das Gefühl „Dazuzugehören“. Es tanzt nicht nur der Körper, sondern auch die Seele.
Als Tänzerin und Lehrerin werden unterschiedliche Ansprüche und Anforderungen an dich gestellt. Welche Fähigkeiten und Qualitäten hältst du bei einer Tänzerin und Lehrerin für wichtig und notwendig?
Disziplin, Geduld und Ausdauer. Professionelle Ausbildung vor Aufnahme einer Lehrtätigkeit.
Ich halte es für eine große Leistung, als Lehrerin sowohl Anfängergruppen als auch Masterclassgruppen zu unterrichten. Auch verlangt es eine gewisse Professionalität, wenn in einer Gruppe große Unterschiede hinsichtlich des Alters, der körperlichen Möglichkeiten und des Könnens bestehen. Alle dort abzuholen wo sie stehen und dann daraus eine Gruppe bilden, die das Ziel eines gemeinsamen Auftritts hat, ist eine große Leistung.
Als Tänzerin und Lehrerin bist du ein „Vorbild“ für viele Frauen. Hast du eine persönliche Botschaft des Tanzes, des Tänzerin-Seins, der Lehrerin, der individuellen Frau, die du bist, an deine Schülerinnen und Zuschauerinnen.
Diese Frage und Antwort möchte ich trennen in a.)„Botschaften“ an Tänzerinnen und b.)„Botschaften“ an Zuschauerinnen:
zu a.) Geduld haben und bereit sein sich anzustrengen und Mühe zu geben.
zu b.) Respekt zeigen und wenn, dann angemessene gerechte Kritik äußern.
Was beobachtest du an Entwicklung(en) im orientalischen Tanz und wie ist deine Einstellung dazu? Ich denke hier an die Verschmelzung von Tanzstilen von z. B. arabic-flamenco bis Fusion, an die Einbindung von tanzfernen Requisiten wie z. B. Pois, Bänder, Schleierfächer, o. ä.
Würdest du dich selber eher zu den Bewahrerinnen oder zu den „alles vermischenden“ zählen und welches sind deine Beweggründe?
Ich choreografiere und tanze selbst manchmal auch Tanzfusionen, bleibe dabei aber in einem bestimmten Rahmen. Der orientalische Tanz darf nicht zum „Zirkus“ mit „Akrobaten“ werden, das ist ein anderes Genre. Ich bin also abwechselnd beides: sowohl Bewahrerin der klassischen Tanzstile als auch ästhetische, durchaus experimentierfreudige Fusionistin.
Ist der orientalische Tanz entwicklungsfähiger oder -freudiger, weil er hauptsächlich von Frauen getanzt und choreographiert wird? Weil er ein ursprünglich weiblicher, körpernaher Tanz ist. Körpernähe bedeutet, dass er Bewegungen zeigt, die „natürlich“ vorhanden sind.
Es gibt auch sehr gute männliche Choreographen und Tänzer, die männlichen orientalischen Tanz zeigen. Die Entwicklungsfähigkeit und –freudigkeit kommt m.E. dadurch, da er in vielen Ländern der Welt getanzt und unterschiedlich weiterentwickelt wird.
Wo siehst du Grenzen im orientalischen Tanz, d. h. wo sollte sich der OT von anderen Tänzen abgrenzen und unterscheiden? Ist eine Abgrenzung zwischen den Tänzen und Stilen notwendig oder befruchtend?
Wie schon bei Fusionen gesagt, halte ich eine gewisse Abgrenzung für notwendig. Ich persönlich mag nicht die Verschmelzung von Vampirismus und OT.
Dein Wunsch für den orientalischen Tanz und für dich persönlich als Tänzerin und Lehrerin?
Ich wünsche mir von den Tänzerinnen mehr Geduld und mehr Bereitschaft zum Üben, um die Grundbewegungen und die Haltung zu perfektionieren. Ich finde den Trend, ständig etwas Neues auszuprobieren, ohne gleichzeitig auch das Alte zu vertiefen, nicht so gut.
Ich möchte, daß die Menschen mich als Künstlerin und meine Tänze wertschätzen und anerkennen. Ich bin in einem Alter, in dem ich noch etwa zehn Jahre tanzen kann. Das möchte ich auch tun, denn diese aktive Bühnenzeit geht für eine Tänzerin schnell vorbei. Ich möchte auch mit meiner Gruppe auftreten, sowie Studiofeste und meine Show „Sterne des Orients“ in Bremen einmal jährlich stattfinden lassen. Mein Traum wäre es, diese leider noch viel zu wenig ausgeübte Tanzkunst vielen Tänzerinnen beizubringen und sie in Deutschland populär zu machen.
Sylvia Sophia Assmann ist Leiterin der Tanzgruppe „Baubo Vibes“ (Linz)
Marcel Bieger ist Redakteur des „Oriental Cosmos“.
|
|||
| © 2007 by Oriental Cosmos • mail: redaktion@oriental-cosmos.de | |||