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4. Events
4.2. DAS MANIS-SYSTEM
4.2.1
Erstes Kapitel
4.2.2
TANZFORUM NRW – Eröffnungs-Show, Düsseldorf 31. Januar 2008
von Swara Armun
4.2.3
DIE NEUE REISE DER KARAWANE 2008
4.2.4
ORIENTAL LOUNGE – DIE MAGIE DES TANZES
| DAS MANIS-SYSTEM - von Marcel Bieger(07.05.2008) | |
| TANZFORUM NRW – Eröffnungs-Show, Düsseldorf 31.01.2008, von Swara Armun | |
| DIE NEUE REISE DER KARAWANE 2008 | |
OC 4.2.3
„DIE NEUE REISE DER KARAWANE 2008“ – Orientalisches Tanzprojekt des Tanzhauses NRW,
10. Februar 2008
von Marcel Bieger
Nach der Eröffnungs-Show mit vielen Gästen (s. OC 4.2.2.) nun zum Abschluß der Tanzwochen im Tanzhaus NRW die ureigene Manis-Show, die im wesentlichen von Beiträgen ihrer beiden Projektgruppen Düsseldorf und Reinheim geprägt werden. Wie bereits erkannt, besteht das „Manis-System“ daraus, in verschiedenen Gegenden Tanz-Projekte auf den Weg zu bringen – und wie das genau funktioniert, erfahren wir am Ende dieser im Interview mit Manis. Hier nur in groben Zügen das Konzept: Manis erwartet von den Tänzerinnen eines Projekts, daß sie die Tänze aus dem klassischen Kanon des Orienttanzes vorführen (wenn ihnen auch in der Interpretation derselben freie gestalterische Hand gelassen wird), dazu kommen dann weitere Gruppen, die mit eigenen Tanz-Kreationen und Entwürfen, so lange sie nur auf dem Boden des Orienttanzes stehen, die Darbietung anreichern und ergänzen.
Hier und heute also ihr ältestes Projekt, das in ihrer Heimatstadt Düsseldorf, und das im hessischen Reinheim (bei Darmstadt). Die Gäste treten in kleiner Besetzung an, etwa die Hälfte der am Projekt beteiligten Gruppen sind angereist. Unterstützt, ergänzt oder begleitet werden sie von Rieke aus Manis`Show-Gruppe „Sinam“ (Manis rückwärts geschrieben) und der Gruppe „Safira“, gern und regelmäßig bei Auftritten von Manis-Gruppen gesehen.
Der Auftakt kommt, wie nicht anders zu erwarten, von der
PG Düsseldorf, die mit einem Riesentuch auf die Bühne schreitet. Ein langsamer orientalischer Tanz folgt, in dem die Gruppe sich in immer neue Linien und
Figuren teilt, manchmal stehen sie sich auch in Reihen gegenüber, wobei die eine sich spiegelverkehrt zur anderen bewegt
Auf klassischer Grundlage fußt auch der Stocktanz, den das
Quartett Assaya (Reinheim) in eigener Interpretation vorführt. Der Stocktanz hat schon immer die Phantasie der Tänzerinnen herausgefordert, handelt es sich dabei doch eigentlich um einen Tanz der Männer – wie kann man ihm eine weibliche Ausrichtung verleihen werden. Zum Beispiel durch die Garderobe, scheinen sich diese Künstlerinnen gesagt zu haben, und zeigen sich in Jeans und T-Shirt, dazu Schirmmütze und Sonnenbrille. Gerade dieses sehr moderne Outfit schafft einen scharfen Kontrast zur eher traditionellen Schritt- und Stockschlagfolge.
Die
Gruppe Safira bedient die Abteilung „Schleiertanz“. Mit langen Tüchern ziehen sie Linien, die sich mischen und ineinander verweben, teilen sie sich in Gruppen und Bilder. Während die einen vortreten und Figuren tanzen,
stehen die anderen schon wehend bereit, um nach einer Weile ebenfalls nach vorn zu kommen und zu übernehmen. Handtrommeln treiben mit flotten, harten Rhythmen voran. Eine hübsche, gefällige Nummer.
Das
Duo Amina & Levana (Reinheim) fällt als erste Darbietung aus dem klassischen Rahmen, indem es einen modernen Indian Fusion aufführt. Dessen Basis besteht aus dem traditionellen Tempeltanz, doch darin weben die beiden jungen Frauen Bewegungen aus dem Hip Hop, und auch die „Tempelmusik“ wird von Disco-Beats unterstützt. Eine interessante Interpretation einer Nummer von Dembo. So etwas bekommt man hierzulande nur selten zu sehen, selbst auf ausgewiesenen Indian- oder bollywoodesken Veranstaltungen nicht regelmäßig.
Die
PG Düsseldorf beschert uns einen traditionellen Schleiertanz, allerdings tanzen diese Frauen eher mit dem Schleier, als ihn nur, wie gewohnt, durch ein Bühnendrittel zu wirbeln. Mittendrin legen sie die Tücher ab und zeigen in einem Zwischenspiel klassischen Orienttanz, um dann zu ihren Schleiern zurückzukehren und erneut mit ihnen zu tanzen.
Als nächste präsentiert
Petra (Düsseldorf) ein Solo und deckt die Flamenco-Seite ab. Ihre Interpretation fällt sehr orientalisch aus, und so wird einem bewußt, daß diese uns als so urspanisch erscheinende Musik sehr starke arabische Wurzeln hat. Daß der Flamenco aber noch sehr tiefgehende andere Seiten besitzt, weiß diese erfahrene Tänzerin gekonnt zu vermitteln.
Die Düsseldorferin
Tina übernimmt die jüngste Spielart des Orienttanzes, die mit den „Isis-Flügeln“ nämlich. Solche Tänze erschöpfen sich gern darin, aufgeregt oder großräumig flatternd die Bühne in ihrer ganzen Weite zu durchschreiten, doch nicht so hier. Die Tänzerin scheint ein besonderes Verhältnis zu den Isis-Flügeln zu haben, vermittelt den Eindruck, auf sie zu reagieren, sich ganz und gar auf sie einzustellen und sich mit ihnen im Dialog zu befinden. Sehr spannend, wenn eine Solistin noch so viel aus einem „alten“ Thema herauszuholen vermag.
Wieder moderner und in Richtung Fusion geht es im Beitrag des
Duo Benazir zu, wenn sie das Bossa-nova-Stück „Mas que nada“ vortragen – in der Version von „Black Eyed Peas“, leider nicht im Sergio-Mendez-Original. Diese brasilianischste aller Musiken mit Orienttanz-Elementen zu verquicken, wenn auch sparsam, und da auch noch viel Disco Fox einfließen zu lassen, das nötigt wirklich Respekt ab.
Vor der Pause erfreut uns eine sechsköpfige Auswahl der
PG Düsseldorf mit einem Gruppentanz, den ich ehesten mit Fernsehballett-Stil umschreiben möchte. Bis weit in die 70er Jahre hinein hatte jeder Fernsehsender sein eigenes Ballett, und die präsentierten oftmals populäre (meist dem Jazz entlehnte) Tanzmusik von nicht selten beachtlichem Niveau. Als der Jazz immer mehrheitsunfähiger wurde und das Fernsehballett sich immer seichterer Beat-Musik verschrieb, war es mit ihm dann auch bald zu Ende. – Diese Tanz- und Kunstform dem Vergessen zu entreißen, gehört sicher zu den Verdiensten derjenigen Orienttänzerinnen, die schon vor Fusion und dergleichen Jazztanz mit Orienttanz und Tribal zu vermischen verstanden.. Dieses Sextett hier zeigt sich in schwarzen Ballkleidern und grellbunten Tüchern. Zu eher getragenen Weisen mit viel Geige und weniger Orientmusik zeigen sie uns ihre hübsch anmutige Version eines Tuchtanzes.
Nach der Pause bekommen wir von einem
Düsseldorfer Trio eine Bollywood-Nummer geboten. Diese vor allem durch die auf RTL II gezeigten indischen Singspiel-Filme enorm populär gewordene, noch recht junge Tanzart ist immer wieder erfrischend, bunt und quirlig anzuschauen. So auch hier, das Trio hat sich mit der Materie vertraut gemacht und weiß zu gefallen und zu unterhalten.
Ein interessantes Experiment aus Reinheim, das „Gangster“-Stück (nicht „Gangsta“, sondern mehr Al Capone) „Chicago Groove“, in dem
fünf junge Frauen, drei als Mann verkleidet (mit Weste, Hut und aufgemaltem Schnurrbart), die Frauen in Foxtrott-Kleidung. Ein „Roaring Twenties“-Ensemble, das aber keinen Swing tanzt, sondern eher House, und das zu Musik, wie sie von „Yello“ stammen könnte. Eine ungemein vollgepackte Nummer, mit einigen heiteren Noten, wenn die „Männer“ so gehen, wie Frauen sich vorstellen, daß Männer gehen. Unbedingt ausbaufähig!!!
Aus Reinheim meldet sich
Nilgün mit einem Solotanz auf der Bühne, der sich zwar auf den traditionellen Orienttanz beruft, aber auch mit vielen afrikanischen Stammestanz-Elementen aufwarten kann. Eine sehr entwickelte Nummer von einigem Niveau.
In ganz großer Besetzung rauschen nun die
Düsseldorfer auf die Bühne und tanzen wie ein Fernseh-Ballett zu einer weichen Tex-Mex-Nummer. Auch so etwas ist man als Zuschauer eigentlich nicht gewöhnt. Kompliment, meine Damen.
Im Anschluß führen die Reinheimer ihre Version eines klassischen Orienttanzes auf. Eine solide Vorführung ohne Schnickschnack und Schnörkel, wie überhaupt sich die Reinheimer den Düsseldorfern als ebenbürtig erweisen. Ohne Programmheft würde man keinen Unterschied feststellen.
Danach noch einmal die Düsseldorfer zu einem Ballett-Tanz mit Orient-Elementen und graziösen Bewegungen, danach die Reinheimer mit ihrer Interpretation eines Schleiertanzes. Beides gut geprobte Darbietungen voll Eleganz und Profitum.
Ein weiteres Mal erscheinen die
Düsseldorfer, diesmal mit einem Schwerttanz-Ballett. In dieser Interpretation ist man weit von der kriegerischen Note entfernt, welche in neuerer Zeit immer häufiger den Tanz bestimmt. Ritualisiert führen die Frauen die Klinge und bewegen sich dazu in einem von orientalischen Klängen betonten Gruppentanz. Gern balancieren sie den Krummsäbel auf dem Kopf, um darunter die verschiedensten Figuren zu tanzen.
Als vorletzte Darbietung etwas, das man noch immer viel zu selten sieht, wohl weil es wahrhaftig nicht einfach ist – eine komische Nummer. Tänzerin
Shamira (Reinheim) stolpert hierhin und dorthin, betreibt Klamauk und kommt doch immer wieder auf die Füße. Erst bei genauerem Hinsehen erahnt man, wieviel Köperbeherrschung und Erfahrung nötig sind, um im Takt zur Musik zu fallen oder etwas so aussehen zu lassen, als würde es unweigerlich schiefgehen, um es dann doch noch im letzten Moment herauszureißen.
In der Schlußnummer bieten die
Düsseldorfer dann einen anmutig anzusehenden Gruppentanz mit abwechslungsreicher Choreographie. Genau das Richtige zum Abschied, um das Publikum bei guter Laune nach Hause zu entlassen.
Ein beeindruckender Abend liegt hinter uns, an dem wir Zeuge wurden, wie zwei vom Charakter wie räumlich unterschiedliche Gruppen ihre jeweilige Version des Manis-Tanzprojektes zum Besten gaben. Bei dieser Lehrerin stehen nicht Extavaganz oder Show an erster Stelle. Jede Tänzerin muß ihr Handwerk bestens beherrschen, um hier auftreten zu dürfen, und erst wenn das gegeben ist, können auch die Schnörkel und Verspieltheiten hinzukommen. Wenn wir auf unseren Zettel schauen, stellen wir verblüfft fest, daß wir in gut 20 Beiträgen den doppelten Satz von traditionellen Orienttanzarten gesehen haben, ohne daß uns nur einmal das Gefühl überkam, das haben wir doch eben schon gesehen. Neben der soliden Körperarbeit geht es Manis ja auch darum, die „alten“ Formen neu interpretieren und variiert darbieten zu lassen. Dies ist die Basis, das Rückgrat dessen, was sie unterrichtet und was sie in ihren Shows auf die Bühne bringt. Daß daneben auch noch Raum für „neuere“ Stile bleibt, so lange sie den Orienttanzes nicht verleugnen, ist ein hübscher Nebeneffekt. Manis geht es auch gar nicht darum, einen Überblick über das zu geben, was sich gerade an Neuem tut (und vielleicht am Ende des Jahres schon wieder vergessen oder überholt ist). Sie gibt den talentierten Künstlerinnen, die bei ihr vorstellig werden, soviel Freiraum wie gewünscht, und sei es auch, sich aus dem Rahmen des Orienttanzes hinaus zu bewegen, wenn frau sich nur an die Grundregeln hält.
Ein kleiner Wermutstropfen. Zwischen zwei oder drei Nummern kam ein „Märchenerzähler“ über uns, der anfangs noch auf die Darbietungen reagierte, sogar behutsam eingriff und dazu eine Geschichte erzählte. Anfangs erlag man der Illusion, seine Geschichte stehe in Beziehung zu der Geschichte, die von den Tänzerinnen erzählt wurde. Doch irgendwann entfernte sich das Märchen immer weiter und wurde zum Selbstzweck – und damit leider zum Fremdmörper inmitten der Show.
Im nächsten Bericht besuchen wir einen Auftritt der Projektgruppe Reinheim, die ihr ganzes Programm (nach Düsseldorf ist nur die halbe Gruppe gekommen) vorführt, und das ohne Anwesenheit von Manis. Wir können dabei feststellen, wie gut das Eingeübte sitzt.
- Marcel Bieger ist Redakteur des „Oriental Cosmos“.
- Joachim Sorge ist Photograph des „Oriental Cosmos“.
| ORIENTAL LOUNGE – DIE MAGIE DES TANZES | |
PROJEKTGRUPPE REINHEIM IN GEORGENHAUSEN 1.März 2008
- von Marcel Bieger
Reinheim liegt in Hessen (bei Darmstadt), und dem vorgelagert befindet sich Georgenhausen, von den Einheimischen liebevoll „Schorschenhausen“ genannt, und wenn man mit dieser landsmannschaftlichen Form des Vornamens „Georg“ nicht so vertraut ist (wie wir), muß man bestürzt feststellen, daß einem weder Landkarte noch Navi bei „Schorschenhausen“ weiterhelfen können. Am Ende langen wir aber doch an und betreten das Bürgerhaus, eine Halle, die andernorts Schützenhaus heißen würde. Alles hier geht erfreulich unformell und familiär zu. Die Zuschauer sind zu einem Gutteil aus der Umgegend angereist, den Rest stellen Freunde und Verwandte der Tänzerinnen, die ja aus ganz Südhessen und Franken ausgewählt worden sind.
Die Projektgruppe wurde von Manis Sjahroeddin ins Leben gerufen und tritt heute zum dritten Mal auf. Manis selbst ist diesmal nicht dabei, und das tut dem Ganzen nicht unbedingt Abbruch. Vielmehr scheinen die Mädels ihren Ehrgeiz in die Erbringung des Beweises zu legen, es auch „ohne“ zu schaffen. Kurzum, sie liefern an diesem Abend eine beachtliche Leistung, und das ist ja auch wieder ein Kompliment für Lehrerin Manis, diese Truppe so weit gebracht zu haben. Nicht alle Teilnehmer waren in Düsseldorf dabei (s. OC 4.2.3), die erste Aufführung haben wir leider versäumen müssen, und so haben wir nun hier und heute endlich Gelegenheit, die Gruppe in toto zu sehen und zu hören.
Zu Beginn kommt die ganze Projektgruppe Reinheim auf die Bühne und gibt das vor, worum es bei diesem Projekt eigentlich geht – die Pflege, Bewahrung und Neu-Interpretation des Orientalischen Tanzes. Als Ballett tanzen sie zunächst betont klassisch, im zweiten Teil kommen einige Tribal-Elemente hinzu, ohne daß man jedoch den OT verläßt.
Im folgenden unterhält uns Geschichtenerzähler Aram Amir el Charrk , der auch schon in Düsseldorf dabei war. Folgte er am Rhein mit seiner (vorgegebenen) Erzählung dem Programmablauf, so löst er sich hier in Georgenhausen zunehmend vom Geschehen auf der Bühne und hebt sich davon ab. Bald ist es auch mit dem Zusammenhalt der Geschichte zu Ende, und wir bekommen nur noch Bilder und kurze Szenen zu hören, deren Gesamtzusammenhang uns verborgen bleibt. Wenig förderlich erweist sich auch der Umstand, daß er hier nicht einzelne Blöcke ankündigt, sondern eher nach dem Prinzip der Beliebigkeit auftritt. So fällt es schwer, sich zum einen vom gerade gesehenen Tanz zu lösen und sich zum anderen auf diese Geschichte einzustellen.
Und damit gleich zum nächsten, wenn auch wesentlich erfreulicheren Zwischenspiel: Bruno und Elli Assenmacher , die immer wieder gemeinsam oder (seltener) einzeln und mit spärlicher Instrumentierung ein Vielfaches an orientalischer Atmosphäre schaffen. Daß Schlaginstrumente weltweit zum Ur-Kulturerbe gehören, und mit welch wenigen Techniken man eine Vielfalt von Melodien und Rhythmen zaubern kann, auch das führen die beiden uns anschaulich vor.
Das Quintett Chikago Groove , das schon in Düsseldorf erfreute, tanzt wieder als Gangster und Gangsterinnen zu einer Musik, wie sie die Schweizer Gruppe „Yello“ in den 80er Jahren gespielt hat. – Und ebenfalls aus der früheren Veranstaltung bekannt ist das Duo Benazir mit der Bossa-Nova-Nummer „Mas que nada“ – und genauso schön noch einmal anzuschauen,
Als nächstes die erste „neue“ Darbietung, Safina zeigt den Schleiertanz. Doch wie bei Manis üblich wird auch hier nicht einfach nur eine Variante des Orientalischen Tanzes eins zu eins nach irgendwelchen Vorgaben zum Besten gegeben, sondern variiert, interpretiert und ausprobiert. Safina spielt mit den Schleiern und verläßt sich auch nicht zu sehr auf die hauptsächlich visuellen Wirkungen, die Stoffe möglichst weit durch die Luft wirbeln zu lassen. Sie hält die Schleier lieber eng am Körper, so daß sich zwischen ihnen auf der einen und Gesicht, Kopf, Schultern, Hüften und auch Po auf der anderen eine Art Dialog entwickeln kann.
Ebenfalls für uns neu, das Trio Talora <(b>, das zu „Hips Don’t Lie“, einem der zahllosen Hits von Shakira einen orientalisch stark beeinflußten Disco-Tanz zum Besten gibt. Später kommen noch Cheerleaderinnen mit Pompons hinzu – insgesamt einer der erfrischend risikofreudigsten und experimentellsten Nummern dieses Abends.
Zurück zu den Wurzeln, Aymura <(b> führt uns einen tradidionellen Schleiertanz vor, um im zweiten Teil einen ebenso traditionellen klassischen Orientalischen Tanz darzustellen. – Wenn wir eben schrieben, daß Manis Varianten und Neuinterpretationen klassischer Vorgaben fördert, so bedeutet das nicht, die Grundlagen zu vernachlässigen. Und deswegen überraschen in ihren Projekten immer wieder Tänzerinnen mit solchen Nummern – mit konservativen im eigentlichen Sinne, nämlich bewahrenden Darstellungen.
Keine Orient-Show kommt mehr ohne Bollywood-Beitrag aus, hier
ausgeführt von der Projektgruppe Reinheim – dieses Ballett, wie wir es aus diversen Filmen kennen, beläßt es aber nicht nur beim seicht-süßen indischen Disco, sondern baut auch Schrittfolgen und Bewegungen ein, wie man sie vom sogenannten Tempeltanz und ähnlichem kennt. – Shamira , die schon die Choreographie für diese Nummer schrieb, bringt uns dann ihr schon in Düsseldorf gezeigtes komisches Solo „Habibi“ zum Besten, wo sie uns wieder die mechanische Puppe gibt, die, mal zu schnell, mal zu langsam ablaufend, in immer groteskere Bewegungen verfällt. Wieder rufen wir uns ins Gedächtnis, wie schwierig doch das angeblich leichte Fach, die Komik, ist.
Nach der Pause reißt uns die Projektgruppe Reinheim mit ihrem Säbeltanz in die Show zurück. Innerhalb der Großgruppe bewegen sich mehrere Kleingruppen erst zu orchestraler Musik, die in weichere Orient-Disco-Musik übergeht, um dann in den Wuchtklängen von Monumentalfilmen Hollywoods zu enden.
Nach diesem Stück aus dem klassischen Kanon wird es sehr modern, als das Duo Amina & Levana einen indisch beeinflußten Tribal Fusion hinlegt (den wir auch schon in Düsseldorf genießen durften). Sie tanzen die indischen Schrittfolgen wie eine Straßengang und das Schlagzeug wummert wie im besten Drum & Bass. Ebenfalls bereits bekannt, aber gern wieder gesehen, Nilgün mit ihrer Ehrerbietung an „Mama Africa“, im Prinzip ein rockiger klassischer Orientalischer Tanz mit vermehrten Handtrommeln.
Die Projektgruppe Reinheim hüpft nun zu einem Hip Hop mit orientalischer Grundlage. Was als Ballett wie beim Fernsehen beginnt, löst sich in kleinere Gruppen auf, ohne aber das große Ganze bleiben zu lassen. Recht eigenwillige Tanzbewegungen fallen auf, die nicht nur den üblichen Streetdance wiedergeben, sondern eher dem Jazz entlehnt erscheinen. Kira Asmahan führt etwas vor, was zwar zu den traditionellen Tanzformen gehört, aber nur gelegentlich zu sehen ist: den Leuchtertanz. Mit brennendem Kronleuchter auf dem Kopf bewegt sich die Tänzerin über die Bühne. Ihren Bewegungen läßt sich ansehen, daß dieser Tanz ursprünglich bei Hochzeiten zum Programm gehörte, um den Weg des neuen Paares zu erleuchten.
Das Quartett Assaya führt nun den traditionellen Stocktanz vor, mit dem die vorausgegangene Düsseldorfer Show eröffnet worden war. Im Anschluß bedient Shirin die spanische Abteilung mit dem unverwüstlichen Klassiker „Somos Novios“. Die Solotänzerin bewegt sich sehr sinnlich und in sich selbst versunken, sie verströmt und lebt Melancholie und Sehnen. Ein überaus stimmiger Beitrag.
Vorhin noch als komische Nummer aufgetreten beweist uns Shamira jetzt, daß sie auch anders kann. Einen klassischen Orientalischen Tanz ohne Schnörkel und Spielereien führt sie uns vor und zeigt damit die Basis, auf der so vieles, wenn nicht alles aufbaut. Zum Schlußstück versammelt sich noch einmal die ganze Projektgruppe Reinheim , um einen Schleiertanz darzubieten. Doch keinen gewöhnlichen: Zu einem Riesenschleier tanzen die Damen modernes Ballett und erringen so wiederum unsere gepannte Aufmerksamkeit, wollen wir doch nichts von diesem nicht alltäglichen Aufführung verpassen.
Ein interessanter Abend liegt hinter uns. In künstlerischer Hinsicht hat er uns eine Menge gegeben, vor allem durch die vielen getanzten neuen Variationen alter Themen, aber auch durch die Offenheit für neue Trends und Strömungen. Wie man gesehen hat, geht es auch ohne Manis‘ Anwesenheit, und wenn man ins Programmheft schaut, erfährt man, daß Manis nicht einmal ein Drittel der Choreographien entwickelt hat, nach denen hier getanzt worden ist. Das begreift sie aber auch nicht als ihre primäre Aufgabe. Viel wichtiger ist es ihr, die Mädchen und Frauen, die mit einer Idee zu ihr kommen (und so etwas ist ihr sehr willkommen), dahingehend zu fördern, ihre Idee zu einer Nummer auszubauen und die auch im Rahmen eines Abendprogramms so zu präsentieren, daß aus allem zusamen ein homogenes Ganzes entsteht, daß das Ergebnis größer wird als die Summe ihrer Teile. – Dies wird auch durch den Umstand unterstrichen, daß die Stücke, die schon in Düsseldorf dabei waren, hier in anderer Reihenfolge auf die Bühnenbretter gelangten und auch noch mit anderen – eigenen – Beiträgen gemischt wurden. Und diese Stücke fügen sich wiederum ins Ganze ein, ergeben aus dem Vertrauten etwas wirklich Neues.
Daß Manis nicht dabeisein mußte, ist eigentlich das höchste Beweis dafür, daß ihr beim Projekt Reinheim das gelungen ist, was sie sich vorgenommen hatte. Die Frauen aus der Region Reinheim spielen ihr Programm mit Bravour durch, und jede von ihnen wird sich noch in vielen Jahren voller Stolz daran erinnern, bei diesem Projekt mitgemacht zu haben.
- Marcel Bieger ist Redakteur des „Oriental-Cosmos“.
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