oriental cosmos LOGO oriental-cosmos v.1.0 / 11.07  
 
impressum  ::  
 LINKWEG ::: inhalt /  Events / Norddeutsch


4. Events
4.3. 1. Norddeutschen Tribal-Festival vom 23.-25. Mai in Hannover

 

 4.3.1   FREITAGS-GALA DER 1. NORDDEUTSCHES TRIBALTREFFEN
 4.3.2   SAMSTAGS-GALA DER 1. NORDDEUTSCHES TRIBALTREFFEN

 

 FREITAGS-GALA DER 1. NORDDEUTSCHES TRIBALTREFFEN  
 
DAS HOCH IM NORDEN Zum 1. Norddeutschen Tribal-Festival vom 23.-25. Mai in Hannover
- von Marcel Bieger


Hannover hatte die Expo, Hannover ist eine Landeshauptsstadt, Hannover hat den Flughafen Langenhagen, und jetzt hat Hannover auch sein erstes Tribal-Festival, und zwar ein „1. Norddeutsches“. Warum nicht 1. Hannoveraner oder 1. Niedersächsisches? Weil das komplett falsch gewesen wäre. Denn tatsächlich ist es Veranstalterin Asmahan samt ihren vielen Helfern gelungen, den ganzen Norden zusammenzuholen. Sogar aus Berlin und dem Osten sind sie gekommen, aus Schleswig-Holstein, aus Hamburg und natürlich aus Bremen. Glückwunsch!
Alles versammelte sich in einem hübschen kleinen Park, auf dem ein aufgebautes Zirkuszelt („Kulturzelt“) steht. Aber hier gab es auch eine Außenmanege bestehend aus Verkaufständen und Imbißbuden. Dazwischen Bänke und Tische für all die vielen, die sich bei dem strahlenden Wetter gern die nötige Ruhe für den Verzehr der Stärkungen nehmen wollten.
Als dann am Abend des ersten Tages, dem Freitag, die anwesende Mittelalter-Kapelle, „Comes Vagantes“, durch die Reihen marschierte, wurde auch dem letzten klargemacht, daß es nun endlich losgehen würde, im Zelt. Asmahan rief ebenfalls „Kommt Ihr jetzt bitte?“ - und damit war endgültig der familiäre Rahmen dieser ersten Show gesteckt, der „Open Stage & Get Together“.
Gewinnt man mancherorts gelegentlich den Eindruck, ein „Open-Stage-Abend“ sei eine Veranstaltung, auf der Hinz und Kunz, pardon, Hanni und Nanni, straflos auftreten könnten, so wurde man hier rasch eines besseren belehrt, denn von Anfang an bekam man ein sehr gutes, teilweise auch spitzenmäßiges Programm geboten. So gut wie alle Tanzgruppen und Solistinnen bewegten sich sich bei ihren Vorführungen derart, daß alle im Rund in den Genuß kamen, sie von vorn und mitsamt ihrer Kunst zu bewundern.
Den Anfang machte Dana Triskiliana Dana Triskiliana mit einer Tribal Fusion-Nummer, die langsam und mit ätherischen Bewegungen begann. Später kam es dann zu Tempiwechseln und Snake Moves, wobei die 6 Tänzerinnen in ihren hübschen Kostumen sich immer wieder in kleinere Gruppen teilten, um dann zur Ensemblelinie zurückzufinden.
Im Anschluß die junge gebürtige Armenierin Yasmina Yasmina mit einem Tanz, den man hierzulande noch sehr selten zu sehen bekommt, der in den USA aber dank „The Indigo“ und Assoziierten sich bereits einiger Verbreitung erfreut – dem „Burlesque“ oder „Cabaret“, eine Stilrichting, die sich aus dem Fusion weiterentwickelt hat. Yasmina stürmte zu Honky-Tonk-Western-Bar-Musik auf die Bühne, und schaffte es dann, einen Can Can mit Orienttanz-Bewegungen zu veredeln und das zu Liza Minellis „Mein lieber Herr“ aus dem Film „Cabaret“. Passend in weitem Rüschenrock und Korsage führte Yasmina uns vor, was aus dieser Richtung noch alles zu erwarten ist. Der Orient-Anteil fielt hier sehr gering aus, so daß „Burlesque“ gewiß kritische Stimmen auf den Plan rufen dürfte. Für „Oriental Cosmos“ war dieses Stück indes interessant genug, um mehr über die Künstlerin erfahren zu wollen.
Wieder zurück zu den Anfängen führte uns Aura Magica Aura Magica, die im ersten Teil ihrer Darbietung zu elektronisch verfremdeter Mittelalter-Musik mit langsamen Bewegungen Tribal mit Hip-Hop-Garnierung kredenzte. Im zweiten Teil wurde es schon orientalischer, sowohl was die (schnelleren) Bewegungen und die (schnellere) Musik angeht, und im dritten Teil langten wir dann endgültig bei Tribaltanz und Orientmusik an. Wenn man bedenkt, daß noch im letzten Jahr auf Tribal-Veranstaltungen Fusion und dergleichen die Ausnahme darstellte und Tribal selbst die Masse bildete, dann fiel eine Darbietung wie diese heute fast schon aus dem Rahmen.
Als eine der Stützen der Shows an beiden Tagen sollte sich Lobos no Dansa Lobos no Dansa erweisen, die sowohl in ihrer Gesamtheit (zu dritt) wie auch in wechselnden Paarungen immer wieder das Programm belebten. Obwohl selbst keine strenggläubigen Gothics ist diese Richtung dennoch wesentlicher Bestandteil ihrer Kunst, und auch die Fantasy kommt bei ihnen nicht zu kurz Hier, in ihrem ersten Beitrag an diesem Wochenende, ließen sie es noch relativ ruhig mit Mittelaltermarkt-Musik angehen und würzten die mit einigen dem Fantasy-Geist entlehnten Bewegungen und Posen.
Ein ähnliches Feld beackerten auch Randa Baturiya Randa Baturiya, die es aber weniger mit der Fantasy haben und dafür so auftreten, wie man es von Mittelaltermärkten gewohnt ist, immer wieder gern dort gesehen und an einem Abend wie diesem ebenso am rechten Platz.. Den Shimmy präsentierten sie in der Gruppe, und überhaupt schienen sie die Linie zu mögen.
Den zweiten Block eröffneten Disphorian Case Disphorian Case mit einem Dolchtanz. Stammt der Säbeltanz aus dem Standardrepertoire des Orienttanzes, so ist der Dolchtanz diesem nur vordergründig entsprungen. Vielmehr hat der Dolch einen eigenständigen Charakter als Ausdruck des Archetyps der „Kriegerin“ gewonnen. In diesem Sinn bewegten sich die beiden Tänzerinnen umeinander, suchten nicht den offenen Kampf, sondern ergingen sich in Drohgebärden - das alles in Gothic-empfundenen Kostümen und zu der Nummer „I Want My Innocence Back“ von der Gothic-Ikone Emilie Autumn. Das Stück klingt, als wäre es eigens für diesen Auftritt geschrieben worden.
Die Mädels von Mayallah Mayallah bewegten sich im Fusion-Ballett zu einem Stück von „Unmata“, tanzten aber langsamer, und auch die Musik spielte nicht ganz so flott. Konsequenterweise nennen sie ihren Stil dann auch „Soft Fusion“. Eher traditioneller wirbelte Elena Sepaga Elena Sepaga zu Zigeunermusik durch die Manege. Der Rhythmus hatte es in sich und dröhnte sehr rockig, die Künstlerin läßt sich davon aber nicht den Folkloretanz-Schneid abkaufen. Im zweiten Teil ihrer Darbietung kehrte sie dann auch noch mehr zu den Wurzeln zurück und bewegte sich zu einem fast traditionellen Trommelsolo.
Und damit wieder zum Fusion: Die Solistin Tamira Tamira bot schnörkellosen Breakdance mit Snake Moves und allem, was sonst noch so dazu gehört, daneben langsamen Tribal-Tanz und dazu im Wechsel elektronisch verfremdete Orientmusik und knalligen Rock.
Die Gruppe Penthesilea Penthesilea, durch Fleiß, Beharrlichkeit und Können längst im Ruhrgebiet ein feststehender Begriff für Gothic- und Dark-Fusion, begleitete hier in verkleinerter Besetzung (Trio statt Quartett) mit mystischen Bewegungen eine rammsteinartige Musik. Im 2. Teil wurde es dann tribalesker, doch die abgehackten und eckigeren Bewegungen paßten ausgezeichnet zu der Industrial-Version von „Greater than the Sun“ von – wer auch sonst? – „Covenant“. Und man mag es kaum glauben, in diesem Tribe wird noch Impro getanzt! Bei „Penthesilea“ muß man nicht lange überlegen: Tanz, Haltung und sonstiger Eindruck lassen nur den Schluß „Kriegerin“ zu (ja, wer sich schon nach der Amazonenkönigin benennt ... )
Aus Dänemark ist Linda Thorsager Linda Thorsager angereist, und von einem so wuchtigen (Nach-)Namen würde man eher Schwermetall erwarten, aber weit gefehlt, sie überrascht mit einem leichtfüßigen Gypsy-Folklore-Rock, in dem Orienttanz-Bewegungen bestimmend sind, aber auch natürlich Folklore-Schritte und sogar moderner Disco-Tanz mit einfließen.
Eine hübsche Mischung aus Orienttanz und Flamenco breiteten Shir o Sharkar Shir o Sharkar aus – begleitet von einem interessanten Baß -, die insgesamt sehr elegant herüberkam. Wilder ging es dann im zweiten Teil zu, in dem das Duo Balkan-Folklore und Orienttanz (beide ja nicht so furchtbar weit auseinander) kombinierte. Leidenschaftliche Bewegungen paarten sich mit mädchenhafter Verspieltheit, Zartheit mit Lebenslust.
Den Anfang zum dritten Teil setzten Yasmandeenah Yasmandeenah, deren Mitglied Jasmina wir vorhin schon beim Can Can bewundern durften. Diesmal zeigte sie mit Partnerin eine weitere Facette ihres Könnens – mystische Fantasy, die sich in perfekter Harmonie sowohl in den Bewegungen als auch in der Musik übermittelte. Im zweiten Teil dieser Darbietung geht es dann etwas fetziger zu, elektronischer Rock mit orientalischem Einschlag und leisen fernöstlichen Anklängen trieb die OT-Bewegungen an.
Und noch ein Wiedersehen: Arzo Arzo von „Penthesilea“ trat zum Solo an. Doch diesmal kein Gothic-Rock, sondern ein Funk-Stück, elektronisch verstärkt, dazu dann aber kein Hip Hop, sondern eckige Breakdance-Bewegungen, was zusammen ein höchst ungewöhnliche Melange ergab, bei der man sich fragte, warum vorher noch keiner darauf gekommen ist.
Mayallah Mayallah blieben sich auch als „Wiederholungstäterinnen“ treu und schritten zu eher ruhigen Melodien anmutig, weit ausholend und unbedingt synchron daher. Im zweiten Teil dann etwas „fusionärer“ und elektronischer, ohne daß sich jedoch am Grundkonzept etwas wesentlich änderte.
Vorhin im Solo trat Linda Thorsager nun mit Partnerin als Duo Gypsy Mystique Dancers Gypsy Mystique Dancers an und schenkte uns den womöglich traditionellsten Tanz des heutigen Abends. In hochgeschlossenen Trachten boten sie Orienttanz, in dem sich aber noch so einiges mehr hineinschlich. Vor allem die perfekte, ganz auf ein Duo abgestimmte Choreographie wußte zu begeistern.
Zum ersten Mal an diesem Abend zeigte sich Yolanda Yolanda, die gleichzeiitg den Schlußpunkt dieses dritten und letzten Reigens setzte: Eine raffinierte Mischung aus traditionellen OT-Bewegungen mit Snake-Moves unterfüttert und das Ganze zu düsterem, schweren Gothic-Rock. Was für ein Ausklang!

Marcel Bieger ist Redakteur des „Oriental-Cosmos“.

 

 

 SAMSTAGS-GALA DER 1. NORDDEUTSCHES TRIBALTREFFEN  
 

Die Hauptveranstaltung des 1. Norddeutschen Tribal-Treffens begann gleich mit einem Knaller der unerwarteten Art: Mit Therry & the Island Wahine Therry & the Island Wahine schaukelte (beileibe nicht abwertend gemeint) ein Hula-Trio in die Manege und bot uns alles, was uns zu süßlicher Hawaiimusik (obwohl sie eher Tahitianisches zum Besten gaben), Grasröcken und so weiter einfällt, und noch ein bißchen mehr. Im zweiten Teil wurde es dann etwas derber mit wilden Stammestänzen und entsprechender musikalischer Begleitung.
Diese Stimmung sollte nicht lange halten, denn in der zweiten Nummer überkamen uns ein weiteres Mal die vom Vorabend noch in guter Erinnerung verbliebenen Lobos no Dansa Lobos no Dansa, diesmal mit einem Dolchtanz zu Schwermetallmusik der allerhärtesten Gangart. Zwei Mitglieder des Trios boten in gothic-betonter Aufmachung kaum noch Tanz, sondern ritualisiertes Umeinanderkreisen mit tödlicher Klinge. Mit nicht mehr nur vorsichtig angedeuteten, sondern schon stilisierten Kampfdarstellungen loteten sie aus, was man mit einem Dolch alles anstellen kann. Stahlklingen haben durchaus eine Seele, und das scheinen „Lobos no Dansa“ begriffen zu haben - im Gegensatz zu manch anderen Gruppen.
Nach diesen beiden extravaganten Darbietungen, führte uns Patricia Patricia von „Perlatentia“ auf den Pfad des Fusion zurück, indem sie zu elektronischem Rock sehr breakige, snakige Orientbewegungen tanzte. Im zweiten Teil wurde es musikalisch orientalischer, wenn auch immer noch verrockt und elektronisiert. Gleiches galt für die Bewegungen, die traditioneller wurden. Sogar ein Derwischtanz und Indisches fandem sich darunter – aber eine solche Nummer wäre nichts, wenn sie nicht da enden würde, wo sie begonnen hat, beim Breakdance.
Auftritt Anya Naima Anya Naima, die gleich furios ihre Interpretation von Hip Hop und Breakdance zeigte, dazu passende Musikauswahl aus dem Elektronik-Rock-Bereich, und wenn es paßte, mittendrin ein paar rasend schnelle Shimmys oder ein paar Bewegungsabläufe aus dem Modern Dance, wie man es sonst nur bei „Xahira“ zu sehen bekommt. Im zweiten Teil ihrer Darbierung lieferte sich Anya Naima mit ihrem neuen (männlichen) Tanzpartner Eddie ein Tanzduell. Und mit dem verhielt es sich folgendermaßen: Sie tanzte Tribal, er wand sich parallel dazu hip hopig. Sie wurde breakiger, er weichte seinen Stil auf. Beide näherten sich immer mehr an, bis sie synchron tanzten. Dann tauschten sie die Rollen, und am Ende war doch jede(r) wieder bei seinem ursprünglichen Tanz gelandet. Was sich wie eine tolle Idee anhört, verhält sich leider (noch) nur in der Theorie so. In der Praxis haperte es etwas daran, daß die beiden noch nicht so sehr gut aufeinander eingespielt wirkten und daß sich „Eddies“ Hip Hop recht weichgespült anhörte, so daß man ihm den Kontrast noch nicht so ganz abkaufen wollte. Aber bei einer so erfahrenen Künstlerin wird das sicher bald behoben sein.
Getragene Düster-Musik ertönte, und aus dem Dunkel schritt Ariellah Ariellah , um einen stilisierten Tanz vorzuführen, der in dieser Umgebung nur mystisch genannt werden konnte. In sechs einminütigen Bewegungs- und Klangbildern führte sie uns ein Kaleidoskop von elegischen bis Ballett-Szenen vor, die uns in die tiefsten Tiefen der Gothic-Musik führten. Sah man sie eben noch zu Stockhausen-artigen Klängen Modern Dance zelebrieren, zuckte und wand sie sich im nächsten Moment zum Breakdance und entführte uns Atemlose dann in franzsöische Tavernenmusik und erwies schon dem Orient Reverenz. Danach ertönte eine melancholische Harfe, erhielt Rockbegleitung, und unbemerkt lösten düsterer Baß und finstere Geige die Harfe ab. Doch unter allem lag der Orienttanz, und am besten war Ariellah, wenn sie Arme und Beine Breakdance tanzen ließ und sich dazu mit dem Körper wie zum Ballett drehte. Ja, auch wenn das unerhört erscheint, aber sie tanzte Fusion-Ballett, und natürlich noch vieles mehr. Das Publikum bedankte sich während des Auftritts mit vollkommener Stille, man konnte die sprichtwörtliche Nadel fallen hören. „Ariellah“ ist eine Klasse für sich, bei ihr sitzt jede noch so kleine Bewegung, und ihr Tanz ist von perfektem Timing. Nach dem, was sie hier in Hannover darbot, darf man wohl mit Fug und Recht behaupten, daß sie auf dem (hoffentlich vorläufigen) Gipfel ihres Schaffens steht.
Wer nach einem solchen Gesamtkunstwerk auftreten muß, hat es naturgemäß schwer, und vielleicht hätte man von der Leitung besser daran getan, nach „Ariellah“ in die erste Pause zu entlassen. Aber Lana Nariya Lana Nariya wußte sich zu helfen und mit einem Fackeltanz die Anwesenden aus ihrer Ergriffenheit zu lösen. Zu sehr getragener und leicht melancholischer Musik drehte sie sich mit zweimal fünf Fackeln. Im zweiten Teil ging es dann mit Folklore-Rock etwas schneller zu, und auch wilder. Immer rasanter wurde das Wirbeln, bis die nunmehr zwei Fackeln mit bloßem Augen nur noch als leuchtender Ring zu erkennen waren.
Der zweite Block begann mit etwas, das noch im letzten Jahr auf solchen Veranstaltungen gang und gäbe war, heute aber eine Rarität darstellte: Nea’s Tribal Nea’s Tribal führten genau das vor, was sie im Namen tragen. Zuerst tribalten sie zu fetzig schnellem und leicht schrägem Orient-Rock, dann etwas getragener und mit Schleierfächern (die man mittlerweile ja auch öfter sieht), und im dritten Teil wurde es dann zu elektronisch verändertem Orient-Rock wieder etwas flotter. Und der Zuschauer erkannte verblüfft, daß er den guten alten Tribal eigentlich nicht ganz missen möchte.
Die Gypsy Mystique Dancers Gypsy Mystique Dancers zeigten wiederum, daß sie ihren Namen nicht zu unrecht tragen, indem sie zu mitreißender Balkan-Musik einen zünftigen Zigeunertanz, natürlich mit Tribal-Elementen, hinlegten und so auch das Traditionelle zu Ehren kommen ließen. Eine hübsche Ergänzung zu dem, was man bereits gestern von dieser dänischen Gruppe erleben durfte.
Perlatentia Perlatentia bereicherten den Abend um eine weitere unverzichtbare Note: dem Balkan-Rock a la „Balkan Beat Box“ verstärkt durch den manchmal schrillen bulgarischen Frauenchorgesang. Und was tanzt frau darauf – natürlich Tribal mit balletthaften und Folklore-Elementen.
Im Anschluß löste Eddie Eddie das bekannte Kreischen und Johlen aus, wie immer, wenn ein Mann auf einer solchen Veranstaltung tanzenderweise auftritt. Er führte wie in einer Tanzschule (und das ja nicht von ungefähr) alles auf, was an Hip Hop für jede(n) machbar und erlernbar ist, ein schnelle Abfolge kurz angespielter Stücke, so etwas nennt man gemeinhin Medley. Läßt man sich „Fatman Scoop“ dabei noch gern gefallen, dürfte sich bei anderen Stücken die Begeisterung in Grenzen halten – wer möchte schon zu „Destiny’s Child“ breaken?
Clarissa und Alexa Clarissa und Alexa von den bereits mehrfach aufgetretenen „Lobos no Dansa“ bieten auch heute Ungewöhnliches: Während die eine stehend und unbewegt selbstverfaßte Lieder vortrug, tanzte die andere dazu balletthaft tribalesk und sehr getragen um sie herum. Erst zum dritten Stück forderten sie das Publikum zum Mittanzen auf, und als dieses sich noch etwas zierte, holten sich die Künstlerinnen den einen und die andere von den Stühlen in die Manege. Eine sehr ambitionierte Nummer, die allerdings nicht bei jedem auf Begeisterung stoßen wird – vor allem, wer nicht im Gothic-Universum lebt, könnte solchen Kopfgesang leicht als „Gothic-Opernkitsch“ mißverstehen. Wer jedoch auf dieser Wellenlänge schwimmt, dem waren allein schon beim Zuhören Schauer über den Rücken gelaufen. Auf jeden Fall lohnt es sich, „Lobos no Dansa“ im Auge zu behalten – ob allein, zu zweit oder zu dritt. Sicher sind auch andere Künstlerinnen an diesem Wochenende sehr positiv aufgefallen, aber keine sind so häufig aufgetreten wie dieses Trio, und eines muß man ihnen zugute halten – trotz des Gothic-Rahmens, in dem sie sich lustvoll und gekonnt bewegen, boten sie doch mit jeder neuen Nummer eine weitere Überraschung.
Damit war leider schon der letzte Block erreicht: Weit in die Zukunft entführte uns das Duo Dud Muurmand Dud Muurmand mit einem sehr ausgeflippten Tanz, und dazu ertönte eine eindeutig orientalische Musik, die aber so klang wie Filmmusik aus einem Science-Fiction-Streifen. Gar nicht erst zu reden von den futuristischen Kostümen. Dem schloß sich ein wilder Stammeskriegerinnen-Tanz, begleitet von Rock-Musik mit sehr dominanter Percussion. Bravo, so etwas bekommt man sonst nur bei „Xahira“ geboten.
Ein Großaufgebot bescherte Anya Naima nun mit Tribaala & The Zoras Tribaala & The Zoras Zu psychedelischer Musik tanzten die Frauen von „Tribaala“ balletthaft Tribalfiguren, ließen Fusion-Elemente einfließen und bewiesen auch, daß sie sich ebenso im Modern Dance auskennen, beeindruckend tiefgängig. Im zweiten Teil des Auftritts kamen die ganz in Weiß gekleideten Frauen von „The Zoras“ den gänzlich schwarzen „Tribaala“ zur Unterstüzung, immerhin eine zehnköpfige Verstärkung, und gemeinsam tanzte man in einer begeisternden Choreographie zu psychedelisch und elektronisch bestimmter Musik Tribal.
Die Vorletzte im Bunde war die Künstlerin Fire Fire, die zur Musik aus kitschigen „1001 Nacht“-Hollywood-Filmen einen sehr spannenden Säbeltanz aufführte. Dieser quirlige Wirbelwind bewegte sie wie eine Sandhose in der Wüste, sie tanzte allein für ihr Schwert, und mitunter entstand eine hochleidenschaftliche Stimmung in der Manege. „Fire“ nimmt den Säbel in jedem Moment ernst und führte uns das auch sehr aufthentisch vor.
Den Schlußpunkt des Samstags, des ganzen Wochenendes und überhaupt des 1. Norddeutschen Tribaltreffens setzte dann Ariellah Ariellah. Wieder entführte sie uns in ihren Gothic-Cosmos, den sie selbst „Dark Fusion“ nennt. Grundlage bleibt immer der Orienttanz, den sie aber so selbstverständlich mit Elementen aus dem Fusion, dem Breakdance und unzähligem anderen ausbaut, als gehörte das alles schon immer zusammen. Zu Beginn dieser Nummer, wieder aus einzelnen Szenenbildern bestehend, stürmte sie wie eine Furie oder blitzeschleudernde Göttin in die Manege (und man möge mir glauben, diese Frau kann wie eine Dämonin gucken). Inmitten aller dunklen Bilder, die sie entwarf, konnte man die Aufmerksamkeit nicht auf all die zur Schau und zu Gehör gestellten Dinge richten: Ihre Bauchmuskelkontraktionen erfolgten so exakt zum Trommeltakt, daß man das Instrument weniger hörte als vielmehr zu spüren glaubte, verrockter Flamenco, Breakdance mit Shimmy, Dämonengebärden zu Hip Hop und alles endlich einmündend in den betäubendsten Industrial Rock – man ist als Zuschauer erschöpft wie nach einer Berg- und Tal-Fahrt, aber „Ariellah“ verbeugt sich artig. Asmahan noch einmal alle Künsterlinnen
Im großen Finale ruft eine sichtlich (und zu Recht) vom ganzen Festival bewegte und begeisterte Asmahan noch einmal alle Künsterlinnen in die Manege, dankt ihnen für ihr Kommen, ihre Kunst und auch dafür, mit ihrem Fundus ausgeholfen zu haben, weil Ariellah auf dem Flug von Kalifornien bis hierher irgendwo der Koffer mit den Kostümen abhanden gekommen ist. Nicht nur aus diesem Grund hat die „Tribal Sisterhood“ bei der die US-Künstlerin sich dann noch einmal herzlich bedankt, an diesem Wochenende einen besonders großen und schönen Erfolg errungen. Dringend fortsetzungsbedürftig!!!
Ein schöner Doppel-Abend ist vorüber, und zurück bleibt ein Eindruck von Lebendigkeit und Frische. Diese Tanzbewegung hat ihr Pulver noch lange nicht verschossen. Gab es im Westen – bei „Alles Tribal 4“ im April – in diesem Jahr viel Fantasy (nachdem im letzten Jahr „Piratinnen“ für Furore gesorgt hatten), so fällt auf, daß diese Facette hier im Norden fast nicht vorkommt. Dafür hat hier der Gothic ein gewichtiges Wort mitzureden, der wiederum im Westen eher unter ferner liefen vertreten war. Und noch etwas gilt es zu konstatieren: Hatte man im letzten Jahr (von den vorangegangenen ganz zu schweigen) Shows und Galas mit einem Überangebot an „normalem“ Tribal und einem oder zwei Stücken Fusion, so scheinen sich die Verhältnisse in diesem Jahr beinahe umgedreht zu haben. Diesen Trend teilen sich Norden und Westen, ebenso wie die Fülle von Solistinnen, Duos und Trios – die großen, acht- und mehrköpfigen Gruppen scheinen auf dem Rückzug begriffen zu sein. Und schlußendlich setzt sich fort, was sich im letzten Vorjahr schon andeutete, den Möglichkeiten zu kombinieren, zu fusionieren, scheinen keinerlei Grenzen gesetzt zu sein, und das ist gut so.
Last not least ein dickes Lob und ein besonderer Dank an die bewährte Moderatorin Helena. Moderatorin Helena Wer kennt sie nicht, die Schwafleretten und Selbstverliebten, die im Grunde nur sich selbst etwas erzählen oder alle Jahre wieder mit ihrer einzigen Anekdote langweilen. All dies sucht man bei Helena vergebens. Sie kündigt – wohltuend zurückhaltend aus dem Off – sachkundig, fähig und präzise die Auftretenden an und findet sich auch in dem Dschungel der Begrifflichkeiten stolperfrei zurecht (eine Gabe, die auch nicht jedem in die Wiege gelegt wurde). Um es einmal etwas altertümlich, dafür aber umso deutlicher zu sagen, bei Helena wird Moderation wieder zur Tugend!
- Marcel Bieger ist Redakteur des „Oriental Cosmos“.

 

 


  Norddeutsch
#  
 
           © 2007 by oriental cosmos • mail:  redaktion@orient-cosmos.de