Wir alle verändern uns im Laufe der Zeit, aber ist uns bewusst, wie „Tanzen“ als Instrument zur Selbstfindung und Selbstwahrnehmung maßgeblich dazu beitragen kann …? Im Alltagsleben sind uns meistens eine oder einige wenige feste Rollen zugeteilt, aus denen es kein Entrinnen zu geben scheint. Ob Mutter & Hausfrau, Verkäuferin, Ärztin oder Bankangestellte … Streß und Überforderung im Berufsleben führen zu Frustration, genauso wie Langeweile oder ein unerfülltes Privatleben.
Der Tanz, in welcher Form auch immer, ist in unserer modernen Welt für viele Menschen zu einer Art Fluchtweg oder Rettungsanker geworden. Wenn wir uns zur Musik bewegen, vielleicht einen Charakter tänzerisch darstellen, der uns fasziniert, entkommen wir für kurze Zeit dem Alltagseinerlei. Ich selbst wähle häufig den Archetyp „Amazone“ als Tanzcharakter, vielleicht weil mich Frauen generell faszinieren, die schön und gleichzeitig stark, fast herb sind.
In unserer heutigen, schnelllebigen Zeit wünschen sich immer mehr Frauen einen Rückweg zu mehr Weiblichkeit. Ich kenne unzählige Damen, die fast nur der Kostüme wegen tanzen. Orientalischer Tanz ist nun mal so ziemlich der „weiblichste aller Tänze“ und Frauen, die sich nach mehr Feminität sehnen, finden nicht selten den Weg in einen „Bauchtanzkurs“. Auch dunkle Seelen drücken sich im O.T. künstlerisch aus. Durch Tanztrends, wie Tribal Fusion oder Gothic Tribal Style ist heute wesentlich mehr Experimentierfreude erlaubt, als noch vor 10 Jahren. Und das ist gut so! Diese Ablenkung und das Ausleben von Wünschen und Phantasien können wie ein Katalysator wirken. Besonders dann, wenn eine Darbietung vom Publikum anerkannt wird.
Erfolge beim und durch das Tanzen, auf der Bühne und die Bestärkung durch das Publikum verändern erwiesenermaßen die Psyche. Und es ist eine Leistung, besonders für einen „Anfänger“, vor Publikum zu tanzen! Denn im Tanz, besonders wenn er frei improvisiert ist, offenbaren wir einen Teil unseres Innern, eines verborgenen Ichs. Viele Menschen, auch mich selbst, haben das positive Feedback durch das Publikum und die Anerkennung meiner Kollegen sicherer im Umgang mit meinen Mitmenschen gemacht und mein Selbstbewusstsein gestärkt. Einige Menschen, die immer schüchtern waren, entdecken durchs Tanzen plötzlich Seiten an sich, die sie noch gar nicht kannten. Nach den ersten Auftritten, und sei es „nur“ vor den Kurskolleginnen, entwickelt sich bei vielen eine Art „Tänzer - Ego“. Die Angst vor den Blicken anderer verschwindet mit der Zeit immer mehr und man wird (selbst)sicherer.
Anerkennender Applaus und Lob tragen positiv zur eigenen Weiterentwicklung bei. Immer wenn wir tanzen, egal ob frei improvisiert oder choreographiert, drücken wir etwas aus. Das kann Positives, aber auch ein negatives Gefühl sein. Auch für sich alleine zu tanzen, bewirkt einen Abbau von angesammeltem Streß. Danach fühlt man sich fast immer leichter und irgendwie befreit. (Vielleicht ist gerade das Tanzen ohne Publikum besonders wirkungsvoll, weil wir nur noch auf uns selbst fixiert sind.) Meine Schülerinnen bestätigen mir diese Theorie nach fast jedem Kursabend. Sie kommen zwar mit ihren Alltagssorgen und Ängsten in den Unterricht, vergessen das Meiste aber schon beim warm up. Spätestens beim cool down sind die Probleme zwar nicht weggezaubert, aber irgendwie nicht mehr so erdrückend. Es ist ein bißchen, wie der Morgen nach einem schlimmen Tag … wenn die Sonne wieder aufgeht, sieht alles nicht mehr so schlimm aus!