4. Events
4.4. ALLES TRIBAL IV 19. April in Viersen
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ALLES TRIBAL IV
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„ALLES TRIBAL IV“ 19. April in Viersen
- von Marcel Bieger
Und wieder einmal hatte Samira Habibi gerufen, und von landauf, landab strömten die Gruppen, Duos und Solistinnen herbei, um anzuzeigen, wo der Tribal mitsamt dem Fusion mittlerweile steht. Fusion wird hier nicht umsonst gleichwertig mit dem Tribal genannt, denn in diesem Jahr dominierte er eindeutig die Veranstaltung. Waren es im Vorjahr noch die traditionellen Tribal-Stämme, die das äußere und tänzerische Erscheinungsbild prägten, so präsentierte sich diesmal ein abwechslungsreicheres Gesamtkunstwerk, und auch dies mag ein Merkmal für den gegenwärtigen Standort des modernen Orienttanzes in unseren Breitengraden sein. Und noch etwas fiel auf – ob zum Besseren oder zum Schlechteren soll hier nicht beurteilt werden – die Gäste aus den Nachbarländern fehlten (2007: Holland und Ungarn) Zum einen wird das seine Ursache darin gehabt haben, daß sich so viele einheimische Formationen angemeldet hatten, zum anderen war zum Beispiel Gonda erkrankt. Schade, sie hatte im Vorjahr Triumphe feiern können.
Starten wir mit dem Überblick (um das sperrige Wort Standortbestimmung zu vermeiden): Den Anfang macht ein feines Duett mit Namen Indra Calista aus dem fernen Schwaben. Ihr breakdance-bestimmtes Stück kommt sehr elegant über, Ihre Musik beginnt mit Harfenklängen, in die Rock einsteigt, um sich zwischendrin mit Hip Hop und sogar indischen Klangmomenten anzureichern – und dann wieder zum Anfang zurückzukehren. Ein wenig erinnerte dieses Duo an „Namadeya“, und das ist ja nichts Schlimmes, im Gegenteil, Nadine und Andreya haben ein solches Niveau erreicht, daß sich gern Tänzerinnen finden dürfen, welche sie interpretieren.
In der zweiten Abteilung erwartet uns dann traditioneller Tribal, angerichtet von Akram as Akthar , mit Improvisation, mittlerweile ja schon beinahe als achtbar anzusehen. Ob im Halbkreis, oder in mehreren Reihen oder ob in „indischer“ Linie hintereinander, man merkt den Mädels an, daß ihnen solches Tanzen Spaß macht, auch wenn es im zweiten Stück etwas getragener zuging.
In der dritten Abteilung zeigt sich die Veranstalterin Samira höchstselbst mit ihrem Stamm Massuh Raksah und solidem Tribal. Im zweiten Stück dieser Truppe wagt auch Samira einen Ausflug in den Fusion, indem sie zur Musik von „Sa’afri Duo“ typische Tribal-Bewegungen in ihre schrittfolge mischt. Was für ein überaus hübscher Einfall!
Das überregional renommierte Tribal Dance Ensemble Asita vermengt Orienttanz mit sehr modernen Jazz-Klängen, eine mutige Fusion. Nach balletthaftem Beginn wird es mit Einsetzen der Percussion deutlich lebhafter. In ihren chiquen Outfits finden die Frauen sich zu Gruppen zusammen, welche die unterschiedlichsten Bewegungen vollführen, um sich dann wieder zum großen Kreis zu verschmelzen. Erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennt man, daß es sich bei den Tanzformen um eher einfache handelt, die aber durch die ungewöhnliche Musikauswahl verfremdet werden und so einen ganz neuen Sinn bekommen.
Zurück zu den Tribal-Wurzeln kehrt Sharade und zeigt, daß immer noch Tanzmädchen auf Mittelaltermärkten auftreten und reüssieren. Gern, wie hier, zu irisch dominierter Mittelalter-Musik. – Im zweiten Stück der Gruppe geht es dann „fusioniger“ zu, als Breakdance-Elemente, Umformungen traditioneller Bewegungen und fetzige Trommelmusik hinzukommen, und ... und irgendwie wird man den Verdacht nicht los, daß diese Mädels hier mit todernster Miene eine Parodie des Fusion im Sinn haben.
Noch eine Haustruppe von Samira Habibi, Saraswati , diesmal betanzt uns die Veranstalterin im Quartett zu indisch angehauchten Klängen. Ein ruhiges Stück, daß einem angenehme Gelegenheit zum Verschnaufen gibt. Auch im Publikum wird das mitunter dringend gebraucht.
Im „Dschungelbuch“ heißt der Tiger Baghira , und als wäre das noch nicht katzenhaft genug, erscheint die gleichnamige Gruppe im „Pink Panther“-Kostüm, komplett mit Kater (ja, ein Vertreter der überaus seltenen Spezies „tanzende Männer“). Zu sehr swingender Musik (ja, auch das ist Jazz) tanzt man mit felinen Bewegungen tribaleskes Ballett. Wie in diesem Jahr üblich finden sich auch ein paar Hip Hop Streusel obendrauf, und apropos obendrauf, am Schluß baut die ganze Katzenschar mit Kater eine lebende Pyramide. Was für ein überaus unterhaltsamer Beitrag!
Nach einem eher zögerlichen Anfang rocken E’fey los , und Mira tanzt zu Schwermetall ein ballettöses Fusion-Solo. Das Ganze mündet in Mittelalterrock ein, und noch immer rockt das Ensemble, während sich immer neue Solistinnen aus ihren Reihen lösen. Im zweiten Stück erwarten uns zu stark trommellastigen Klängen des Mittelalter-Gestampfes Breakdance-Bewegungen vor Chorusline, Lösen vom und Wiederfinden im Ensemble.
Die „Jecken Wiever“ von Thuraya Talat schlugen nun wieder zu, und das noch erbarmungsloser als im letzten Jahr („Superjeile Zigg“). Zunächst wiegte frau uns in Sicherheit, indem sie einen flotten Tribal zu World Music von „Solace“ aufs Parkett legten. Aber dann gelang „Thuraya Talat“ eine neue Bestmarke beim ernsthaft betriebenen Versuch, das Niveau tiefstmöglich aufzuhängen. Zu einem Stück der selbst von vielen Kölnern zurecht als unsäglich empfundenen Kölschen-Karnevals-Kapelle „De Höhner“ rannten die Tänzerinnen unelegant wie „Rote Funken“ über die Bühne. Dazu knallbunte Ringelsöckchen (leider keine rotweiß gestreiften), aber keine Hebefiguren a la „Funkemariechen“. Was kann noch alles kommen? In seinem an (Gottseidank nicht nur) Unerträglichem reichen Karnevals-Brauchtumssschatz findet sich sicher noch so manche „Kamelle“, die einer solchen Gruppe hilft, sich endgültig vollkommen unmöglich zu machen – wenn das mit dem heutigen Abend nicht schon längst gründlich vollbracht wurde. Vielleicht setzt frau sich demnächst lustige Tiermasken auf und interpretiert „Ene Besoch em Zoo“ von Horst Muys selig, oder frau denkt ausnahmsweise auch mal ans Publikum und schunkelt „Wer soll das bezahlen?“, oder frau wird ganz modern und gibt Bollywood mit Bernd Stelter und seinem (hoffentlich!!!) einmaligen „Ma hat ma Pech, ma hat ma Glück, Mahatma Ghandi“.
Nach einem solchen „Auftritt“ hat jede nachfolgende Gruppe naturgemäß einen schweren Stand, doch Tentaculifera überwindet dieses Hindernis mit Bravour. Xahiras Vorlieben für schräge Sachen offenbaren sich hier in Form eines Stücks von Mia „Tanz der Moleküle“ – nur vorderohrig ein Schlager -, die Gruppe formiert sich zum „Fernseh-Ballett“, und gemeinsam wiegt man sich in Tribal-Bewegungen. Ja, solche Stücke sind die Grundlage einer eigenständigen Tanzbewegung hierzulande, in dem wir uns auf eigene Stärken besinnen.
Nach der Pause erwartet uns Tribal frisch vom Mittelaltermarkt, doch die Tänzerinnen von Nag Kanya wissen auch mit einer sehr schmucken Überraschung zu gefallen: Die Kostüme sind mit hellgrüner Samtschlange verziert, wobei die Töne in Jade und Mint übergehen. „Mutter“ Samira besitzt ein profundes Wissen über den Pantheon des nahen und fernen Orients. „Nag Kanya“ tritt nicht von ungefähr in solcherart Gewandung auf, wird die indische Göttin gleichen Namens doch als fünfköpfige geflügelte Kobra dargestellt. Im letzten Jahr trat übrigens Samiras Gruppe „Ghanesh“ im elephantösen Kostüm auf.
Die Gruppe Astarte tanzt in zweifacher Form auf die Bühne. Zuerst die in Schwarz gekleideteten, aber traditionell reich behangenen Tribal-Frauen – doch zwischen ihnen fallen bald Buntere auf. Im ersten Stück tanzen alle gemeinsam zu eher getragenem Tribal. Das ändert sich entschieden in der zweiten Nummer, als nicht nur die Musik rockiger wird, sondern auch die „Bunten“ vom Tribal abweichen und sich dem Fusion zuwenden, während die „Schwarzen“ erst nach einer Weile darin einfallen. Die Bunten wenden sich wieder dem Tribal zu, die Schwarzen wechseln zu Fernsehballett-Formationen – wohlgemerkt, das alles tut sich gleichzeitig auf der Bühne! Beide Gruppen befruchten sich, finden zueinander, trennen sich wieder. Zum Ende finden sich alle zur Großen Windmühle zusammen, um schließlich in gemischten Dreiergruppen die Bühne zu verlassen. Ja, so stelle ich mir moderne Ensemle-Kunst vor!
Nun wird es mystisch und dunkel: Fünf Frauen von Allat Dallanda betreten in Kapuze und langem Umhang die Bühne und lassen zu mittelalterlicher Fantasy-Musik die weiten Mänzel kreisen, daß jeder Derwisch seine Freude daran hätte. Im 2. Teil rocken sie dann zu „Rammstein“ los, doch wirkt diese Abteilung noch nicht ganz so innerlich durchdrungen, wie es die Wucht der Musik verlangt hätte. Eine Fantasy-bestimmte Darbietung, in der noch einige Möglichkeiten stecken.
Mit Tamburinen erscheinen Anjali Alapadma und tanzen im Runde. Auch hier verläßt frau den Tribal, doch nicht, um in irgendwelche fusionären Sphären aufzusteigen, sondern um den umgekehrten Weg einzuschlagen und zum guten alten Orienttanz zurückzukehren. Eine interessante Variante. Das zweite Stück dieser Gruppe zollt dann aber wieder dem Tribal Tribut, mit mittelalterlicher Musik und allem drum und dran, sogar ein wenig Hip Hop Bewegungen finden sich darunter. Im dritten Teil dann kehren sie zur Mutter, dem Orienttanz zurück – und das zu einer recht trance-lastigen Musik. Und viertens soll erwähnt werden, daß diese Mädels hier alle während ihrer Darbietung lächeln können. Schade, daß man das so selten sieht.
Aus Nürnberg stammen Banat ash Shams , und sie ziehen mit Leuchtkrone und Pfauenrädern ein. Was für ein eleganter Anblick. Erst beim zweiten Hinschauen erkennt man, daß die Leuchtkrone die Krone eines Pfauenhauptes darstellt. In Form eines Ballets erwarten uns allerlei Impressionen zum Thema Pfau, die Frauen bewegen sich im Vogelgetrippel, und das wird immer schneller, angetrieben von einem rasanter Trommelwirbel.
Damit die Tribal-Frauen eine ihrer schönsten Traditionen nicht vergessen, führen Nucum Satia aus dem Umland von Hamburg uns vor, wie es beim Tribaln auf einem Mittelalter-Markt zugeht. Ohne Experimente und ohne andere künstliche Zuatzstoffe. So sehr eine Kunstbewegung lebendig bleibt, so lange sie sich weiterentwickelt, so sehr sollte sie sich auch ständig ihrer Wurzeln erinnern.
Die Rabentöchter aus dem hessischen Marburg haben als Tribal Fusion-Tänzerinnen von allem etwas im Angebot und fühlen sich auch auf allen Gebieten zuhause (was ja keine Selbstverständlichkeit ist). Angefangen mit gothic-hafter Opernmusik, über den Einsatz des „Fächerschleiers“, bis zu Indian Fusion (im 2. Stück), wo endlich auch einmal die Sitar als Lead-Instrument ertönt, und natürlich zu „Rammstein“, wo die Mädels in Gothic-Farben die Fächerschleier wie Flammen wabern lassen – eine tollte Fantasy-Show.
Wesen in langen Kutten und tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen – darunter verbirgt sich der Tribe Koh-i-nor - versammeln sich zu Mittelalter-Musik um eine Kochstelle, und mystisch-unheimliche Stimmung breitet sich aus. Doch dann, oh weh, kein Hexen-Sabbat, keine schicksalswebenden Nornen, keine Satans-Jüngerinnen – die Mädels entledigen sich ihrer Umhänge und tanzen stinknormalen Tribal wie auf dem Mittelalter-Markt. Nicht daß das etwas Schlechtes wäre, aber nach einem solchen Intro hätte man wahrlich anderes erwartet. Nur die sechste im Bunde rührt derweil unverdrossen den Löffel durch den Topf.
Xahiras Tribal-Vorzeigetruppe, der Tribe Tabora , erfreut mit seiner weiterentwickelten Leuchtkugel-Nummer, die er schon einige Male vorgeführt, aber stets variiert und erweitert dargeboten hat. Von daher eine beeindruckende künstlerische Leistung, und so etwas kann man nicht jeder Tänzerin nachsagen. Im Mittelpunkt steht wie stets der stehende Tanz – wie bei einer Seeanemone bewegen sich die Tänzerinnen nicht von der Stelle, sondern lassen nur die Leuchtkugeln in ihrern Händen kreisen, rudern, Linien ziehen und Figuren vollführen. Anmut gepaart mit wildesten Phantasien. Und sollten sie dieses Werk noch in zehn Jahren aufführen, ich werde es mir auch dann noch gern ansehen und mich darauf freuen, welche Variationen sie dann eingebaut haben.
Auch in der nun einsetzenden III. Abteilung überraschen uns Kapuzenfrauen, diesmal von roter Farbe. Doch auch hier schlüpfen darunter keine heidnischen Wesen oder Gotteslästerinnen hervor, sondern höchst irdische Tänzerinnen, die von Benat Kom Ombo nämlich – und leider sind auch diesmal wieder die Erwartungen zu hochgeschraubt, denn die Mädels tanzen nur Tribaleskes ohne irgendwelche dunklen Bezüge. Im 2. Stück lassen sie dann die Umhänge weg, präsentieren sich gleich in Tribal-Kostümen und führen Reigen und anderes Mittelalterliche auf, auch die lange, sich drehende Linie, die Große Windmühle, ist darunter.
Mit 60er/70er Jahre-Retro verzaubern uns Anima Roses und haben alles dabei, die Frisuren, die Plastikleidung in glänzendem Schwarz und Pink, und sie tribaln zu Schwerst-Rock wie die Roboter. Das hat mehr als nur Schwung, das ist ein echter Kontrapunkt zu aller Retro-Seligkeit, das ist trotz des Rückgriffs auf alte Themen höchst modern und davon möchte man – angesichts der Flut der Kapuzen - dringend mehr sehen.
Und schon wird dieser Wunsch erfüllt, das stets lohnende Duo Karma tanzt im Nadelstreifen-Dreiteiler (allerdings ohne Jacke, dafür mit Ballett-Tütü) aufs Podium. Minimal-Beat führt ihre Bewegungen, und die setzen sich nicht nur aus denen des Orienttanzes zusammen, sondern auch aus dem abgehackten Roboter-Rucken ihres überragenden Industrial-Rock-Tanzes vom „Ende der Zeit“. Dazwischen Shimmis im Knien, Extrem-Shimmies im Duett, 70er Jahre Discobeat und noch so vieles mehr, daß man es hier gar nicht aufzuzählen vermag. Das Ganze strotzend vor Energie und Selbstbewußtsein zum Vortrag gebracht und dabei eine Harmonie untereinander verströmend, wie sie allein und für sich schon jedes Stück zum Höhepunkt des Abends werden läßt, gleich ob heute oder zu einem anderen Zeitpunkt.
Ganz in Weiß (mit ein wenig Silber) gekleidet folgt nun der sicherlich nicht zufällig so getaufte White Tribe , begeistert mit einem Ballett zu Orientmusik und steigert sich zu dem, was man gemeinhin als Derwischtanz bezeichnen würde. Doch handelt es sich hierbei um „Tanura“, benannt nach dem gleichnamigen, kiloschweren Rock, der nur mit einigem Kraftaufwand in Bewegung versetzt werden und mit dem man dann schöne Figuren tanzen kann. Kein Tribal, aber ein Augenschmaus und Kunstgenuß allemal.
In dieser letzten Abteilung ballen sich die Höhepunkte, denn jetzt erscheint eine unserer Vorzeigekünstlerinnen, Apsara Habiba mit ihrem Stamm Goondarani . Dolch- und Schwertträgerinnen vereinen sich zu einem Ballett und tanzen zur Musik allein von Trommeln. Die Frauen treten martialisch auf, führen uns aber keine Kampfszenen vor, sondern scheinen die Kraft und die Seele der Klingen in sich einfließen zu lassen. Sie erheben den Stahl über den Status einer Waffe und verbinden sich mit ihm – eine Form der Fusion, wie man sie noch nicht gesehen oder erlebt hat. Die Waffen sind ihnen mehr als bloßes Accessoire, sie sind Bestandteil der jeweiligen Tänzerin geworden. Im 2. Stück geben sie uns dann mit einem Tribal-/Orienttanz zu fetziger Mittelaltermusik Gelegenheit, uns vom gerade gesehenen zu erholen und in die Wirklichkeit zurückzukehren.
Was fehlt noch? Richtig, ein spanischer oder Flamenco-Beitrag. Mit dem versorgt uns Shir o Shakar in spanisch verzierten Tribalgewändern und iberisch bestimmter Tribal-Musik, und dazu wird balletthaft recht getragen getanzt. Im 2. Stück geht es dann deutlich orientalischer (obwohl spanische Folklore ja auch sehr viel Orientalisches aufweist) und lebenslustiger zu.
Im vorletzten Auftritt des Abends ein Schauspiel, wie man es gewiß nicht alle Tage zu sehen bekommt: Shahrazad zeigt sich mit ihrer Gruppe Chandrakala in mongolischen Stammesgewändern, komplett mit authentischen, uns sehr phantasievoll anmutenden Hüten. Die Frauen tanzen zu sehr rockiger Musik ihre Folkolore-Bewegungen, statt Bommel und Troddeln tragen sie bunte Bänder, und daß man in keinem Moment vergißt, hier Mongolisches und nicht irgendein Fantasy-Gedöns vor sich zu haben, dafür sorgen die Obertöne in der Musik, die Handtrommel-Begleitung und überhaupt das ganze Ambiente. Am Ende begleiten sich die Frauen unter Verzicht auf alle anderen Instrumente nur mit ihren Handtrommeln. Wahrlich ein Schauspiel.
Zu einer pathetischen Musik, wie sie einst der Boxer Henry Maske bei seinen Einzügen laufen ließ, kommen die Frauen von Ganesh auf die Bühne und führen einen Schwerttanz vor - ebenfalls diese eine von Samiras Gruppen. Und hier fechten die Frauen, wenn auch eher mit- als gegeneinander. Im zweiten Teil tanzen diese Frauen dann Tribal zu rockiger Musik mit orientalischer Percussion und Sitar-Begleitung. Ein passender Schlußpunkt unter einer Show, die viele positive Ausbrecher hatte und noch mehr neue Wege zeigte. Schließlich hat eine Veranstaltung, die sich „Alles Tribal“ nennt, auch vor allem den Tribal im Sinn, und dessen Rahmen gehört mit dem letzen Beitrag, eben dem von „Ganesh“ gesteckt, nicht umsonst eine von Samiras bedeutendsten Gruppen.
Galten im letzten Jahr noch „Piraten“ als der letzte Schrei, so war von denen 2008 kaum noch etwas zu sehen. Dafür gab es haufenweise Fantasy zu schauen, und das war manchmal unfreiwillig schaurig. Irgendwie haben die beiden Geschwister Tribal und Fantasy noch nicht so recht zueinander gefunden. Auf einer anderen, ähnlich angelegten Veranstaltung in Hannover einige Wochen später bestimmte „Gothic“ vielmehr das Bild, der hier in Viersen nur unter ferner liefen zu finden war. Auf jeden Fall klappt die „Fusion“ im Gespann mit Gothic besser (wie ja auch andere Veranstaltungen beweisen). Auf jeden Fall bleibt es spannend, in diese Tanz-Szene mit all ihren Ausrichutngen und Auswüchsen einzutauchen und ihre ungeheure Lebendigkeit und Innovationskraft auf sich einwirken zu lassen. Anhalten läßt sich dieser schwer unter Dampf stehende Zug nicht, man/frau kann nur auf ihn aufspringen und die Reise mitmachen, wohin sie einen auch führt. Und deswegen sind wir ungeheuer gespannt, was der Rest des Jahres bringt und womit Samira 2009 aufwartet. Für 2008 erst einmal unseren tief empfundenen Dank, liebe Monika, für so viele Einsichten, Aussichten und Übersichten.
- Marcel Bieger ist Redakteur des „Oriental-Cosmos“.